Plakate

New Abgeordneter from Hell

by Gunnar on 12. September 2009 · 11 comments

Ich bin, zugegeben, ein aufmerksamer Betrachter von Wahlplakaten. Meine Faszination dafür ähnelt ein bisschen der von Leuten, die gerne Unfälle angucken — es ist eine Mischung aus Ekel und Grusel, hauptsächlich.

Beispiele für scheußliche oder doofe oder fehldesignte Plakate findet man gleichermaßen bei allen Parteien, aber meine besondere Aufmerksamkeit gilt den Kandidaten der CSU, die bringen da noch sowas Rübennasiges mit rein. Das beste Beispiel ist natürlich mein besonderer Freund Bernd Posselt, über den ich schon so viel geschrieben habe, aber auch Herbert Frankenhauser, MdB, legt sich schwer ins Zeug, wie dieses Plakat beweist:

foto

Wow. Da hat sich offenbar der Herr Frankenhauser geärgert, dass er auf keinem Foto gemeinsam mit Shootingstar von Guttenberg zu sehen ist. Aber ach, die moderne Technik wird’s richten, mag er sich dann gedacht haben — meine Sekretärin war doch neulich auf einem Photoshopkurs an der Volkshochschule. Schnell den Wirtschaftsminister reingebaut und fertig ist das Plakat.

Aber, hm, an der Schnittkante ist’s ein bisschen ungenau? Dann machen wir da eben noch einen Verwischeffekt rein. Der Baron hat weißere Zähne als der Kandidat? Das kann man reparieren, ein paar Klicks später leuchtet auch dem Herbert sein Gebiss. Nur noch ein Problem: Von Guttenberg hat gesunde, rosige Haut, während man dem Herrn F. die Stammtischweißbier durchaus ansieht — das Leben als Vorsitzender des Deutschen Instituts für Reines Bier e. V. hinterlässt eben seine Spuren. Aber Photoshop hat auch dafür eine Lösung: Dann bekommt der Minister eben auch ein bisschen Alkoholikerröte ins Gesicht.

So. Fertig. Jetzt bitte wählen.

Wir wählen… die Atomkraft

by Gunnar on 11. September 2009 · 26 comments

28874012

Jaja, weiß schon, dass das vermutlich SPD-Propaganda ist. Ist trotzdem hübsch gemacht.

Für Frauen kompetent

by Gunnar on 20. Juli 2009 · 27 comments

Ich weiß schon, ich soll mich nicht immer über Wahlplakate aufregen, aber hey… wer hat sich denn das hier ausgedacht? Erstens weiß man nicht, wer die Strobl und wer die Tausend ist, zweitens sehen sich die grinsenden Damen (zufällig?) so ähnlich, dass man denken muss, da habe vetternwirtschaftlich die Tante Bürgermeisterin ihre kleine Kusine nachgezogen, drittens ist der Slogan einerseits blöd und zweitens missverständlich — man könnte es auch als “Naja, die sind schon ganz kompetent, dafür dass sie Frauen sind” lesen.

So kommt man nicht in den Bundestag, Frau Tausend.

Claudia Tausend (SPD), Bundestagswahlkampf 2009

Claudia Tausend (SPD), Bundestagswahlkampf 2009

posselt bernd csuUm kurz meine liebevolle Berichterstattung zum EU-Parlamentskandiaten Bernd Posselt (CSU) zu vervollständigen, möchte ich daraufhinweisen, dass die schiere Absurdität der Entität Bernd Posselt mittlerweile auch den Machern der ZDF-Sendung “Neues aus der Anstalt” aufgegangen ist. Die machen das auch ganz bodenständig, halten einfach das Plakat hoch, lassen es wirken, das Publikum tobt.

Anzuschauen hier, ab Minute 19:00 etwa.

Für alle neuen und alten Fans des gemütlichen, irgendwie auch lustig aussehenden Herrn P. eine Info: Das ist immerhin der Mann, “der Gabriele Pauli als ‘Türken-Gabi’ verunglimpft und US-Präsident Barack Obama empfohlen hatte, die Türkei als 51. Bundesstaat in die USA aufzunehmen”, wie Michael Spreng schreibt.

Der Spott trifft keinen falschen, da bin ich sicher.

The Abgeordneter from Hell, Teil 3

by Gunnar on 19. Mai 2009 · 10 comments

Bernd Posselt plakat parodie

Bernd Posselt, Münchens laute Stimme an Brüssels Büffet

So, einen noch, dann höre ich auf, über die Plakate von Bernd Posselt (CSU) zu lästern, das hatte ich hier und hier ja schon ausreichend getan. Ahem. Aber das Bild rechts, das ich bei der Hopfen-Post gefunden habe, ist einfach zu schön: Offenbar haben ein paar findige Menschen, möglicherweise Ästheten wie ich, einige der Plakate von Bernd Posselt gehackt oder wie immer man das bei Plakaten nennt.

Wow. Gute Arbeit.

Aber ich will auch nicht verschweigen, dass der Herr Abgeordnete darauf ziemlich souverän reagierte, mit der Aussage, er gehe selten zu den Buffets der Lobbyisten, denn: “Die Pfunde, mit denen ich wuchere, habe ich mir ehrlich in bayerischen Wirtshäusern und Münchner Biergärten erarbeitet”

Stammleser erinnern sich vielleicht an meine Polemik namens The Abgeordneter from Hell, wo ich mich in einigermaßen boshafter Weise über ein CSU-Plakat ausgelassen habe, auf dem ein (recht feister) Abgeordneter Bernd Posselt ohne Aussage oder Statement dem Betrachter entgegen lächelt. Einfach in der sicheren Überzeugung, allein durch die Macht des Phänotypischen die Wähler zu fangen.

Das traf bei den Lesern auf geteiltes Echo, einige fanden es witzig, andere schimpften mich “oberflächlich”. Ein besonders erregter Anonymus, vielleicht ein Funktionsträger der sehr Jungen Union, verstieg sich zu der atemlosen Beleidigungsfolge “dümmlich, primitiv, unlogisch, widerlich, kindisch”. Es meldeten sich aber auch zwei Bekannte zu Wort, die das Plakat ähnlich bizarr empfunden haben wie ich.

Wir sind auch nicht die einzigen. Und ich habe, handyfotografiert von meinem Kollegen Trille, sogar einen handfesten Beweis, dass wir nicht allein sind — offenbar fallen die Posselt-Plakate auch anderen Menschen auf:

Spanische Touristen wundern sich über CSU-Plakat.

Der bayrische Mann im Mittelpunkt.

Das Bild zeigt eine Gruppe fassungsloser spanischer Touristen vor dem Plakat. Erst sind sie unsicher, ob das ernst gemeint sein kann. Dann: Entsetzen. Dann: aufgeregtes gegenseitiges Fotografieren vor und neben dem Gesicht des Abgeordneten from Hell.

Jaja, Bernd Posselt, Münchens Stimme in Europa.

The Abgeordneter from Hell

by Gunnar on 24. April 2009 · 34 comments

wahlplakat csu

Mit diesem überlebensgroß aufgeblasenen Porträt des Herrn Posselt, der trotz aller Fotografenkünste aussieht, wie von Gerhard Haderer gezeichnet, wirbt die CSU im Europawahlkampf. Und nur damit — dem Plakat fehlt jede Sachaussage, jeder Hinweis auf politische Forderungen, Haltungen, Erfahrungen. Einfach nur: CSU und Bernd Posselt. Nun mag es sein, dass aufmerksamere Beobachter der Politikszene und des Europaparlamentes um die enormen Verdienste des Bernd Posselt wissen, möglich, dass dieser Name und dieser Schnurrbart sofort Glöckchen der Sympathie klingeln lassen, dass alle automatisch denken, ach, der Posselt, das ist doch der gute Mensch, der uns seit Jahren würdig in allerlei Ausschüssen und Sub-Ausschüssen vertritt und der erst letztes Jahr Franz Josef Strauß bei einer Wortmeldung im EU-Parlament einen “großen bayrischen Europäer” genannt hat.

Andererseits ist es, und da bin ich vielleicht ein bisschen gemein, wenn man nichts über Bernd Posselts sicher vor Intelligenz und Wortwitz sprühende Reden weiß, so, dass man von diesem Bild ausgeht und versucht, auf dessen Grundlage Rückschlüsse auf die Person dahinter zu ziehen. Und wenn man nichts als dieses Bild hat, das weniger einen Mann zeigt als vielmehr einen menschlichen Schwamm, einem Wiedergänger der Wildecker Herzbuben, einen bavarischen Amöboid, dann fällt es schwer an die Entschlossenheit, die Tatkraft, die Disziplin, den funkelnden Intellekt dieses Menschen zu glauben. Dann fallen einem frei assoziiert eher Wörter wie Wirtshaus, Kalbshaxe und Vetternwirtschaft ein. Dann wundert man sich, warum die Wahlplaketausdenker der CSU nicht mehr auf Typografie und weniger auf Porträtfotografie gesetzt haben.

Aber egal. Was geht es mich an? Ich will den Herrn P. ja eh nicht wählen, ich will möglicherweise nicht einmal seine Konkurrenten wählen, irgendwie habe ich mit dem ganzen Wählen-Zeugs nur so mittelmäßige Erfahrungen gemacht, ich bin nur eine sensible Seele mit vielleicht allzu ausgeprägtem Ästhetikempfinden, die ein paar Minuten fassungslos vor diesem Foto gestanden hat.

Plakatschämen 2008

by Gunnar on 10. September 2008 · 13 comments

In Bayern herrscht Landtagswahlkampf, das wird man ja im Rest der Republik mitbekommen haben. CSU in unerhörter Panik (HOCHRECHNUNG: NUR 49 PROZENT!), Opposition grundlos euphorisch, das ist alles ausreichend in den bunten Blättern beschrieben. Ich halte mich aus der Politik raus, mich interessiert eher die surreale Poesie der Slogans und Ästhetik der flächendeckenden Plakatierung, neben Veranstaltungen offenbar die Hauptwaffe der Parteien.

Ich dokumentiere im folgenden eine eher zufällige Auswahl an Wahlplakaten (Bilder auf Klick vergrößerbar) aus dem aktuellen Wahlkampf, jeweils mit ein, zwei Sätzlein von mir. Und ein paar Anmerkungen von meinem Freund Niklas, seines Zeichens Berater in einer sensationell erfolgreichen Hamburger Kreativagentur, der als Werber einen eher professionellen Blick auf die Angelegenheit werfen kann.

Niklas sagt vorausschickend:

Wahlplakate sind eigentlich immer schrecklich, im besten Falle unauffällig (was eine zweifelhafte Ehre ist).

Kreativität ist kein demokratischer Prozess und ihr größter Feind ist der Kompromiss.

In Parteien ist das aus naheliegenden Gründen irgendwie anders. Zwar wurde mir persönlich (in einem “Screening-Gespräch” mit einer momentan farbenblinden Partei aus Hamburg) versichert, dass das am Ende der Vorstand selbst absegnet — aber mit Verlaub, der Vorstand einer Partei ist doch auch nur  ein mehr oder minder kondensierter Schnittmengenvertreter.

Ansonsten macht man es halt gerne so wie im letzten Jahr oder wie in Taka-Tuka-Land 2005, da hat das auch super mobilisiert… Und während weite Teile der übrigen Kommunikationsbranche bemüht sind, das Wahrhaftige wieder zu entdecken und Glaubwürdigkeit an erste Stelle zu setzen, sind sämtliche politischen Parteien offenbar bereit, mit reinstem Phrasendreschen, mit leeren Parolen und absurden Pseudozuspitzungen die politische Willensbildung des Bürgers nicht zu steuern, nein, schlicht zu verhindern.

Okay, nun zu den Plakaten. Wir beginnen natürlich mit der…

Christlich Soziale Union (CSU)

Gunnar: Schöne Kandidaten haben sie ja nicht. Und die ekelhafte Staubsaugervertreterpose mit dem Sakko über der Schulter — wirkt das auf 55jährige Hausfrauen dynamisch und anpackend? Und dann der Quatsch mit der Pendlerpauschale, deren Abschaffung die CSU bekanntlich vor kurzem noch zugestimmt hat. Lässig mit dem Kurzzeitgedächtnis des Wählers kalkuliert. Sensationell hingegen das linke Plakat: Bayern, stark, CSU. Komplett sinnfrei und doch die Kernaussage des christsozialen Wahlkampfes zusammen gefasst.
Niklas: Ein Dialog: “Wir haben die absolute Mehrheit, lass uns entsprechend auftreten.” “Klar, Thomas, aber ein paar populistische Themen brauchen wir auch.” “Na gut, aber nur wenn ich ein Plakat mit meinem Gesicht drauf kriege.” Naja.

Als-Stammwähler-würde-ich-mich-schämen-Faktor: 3/5

Sozialdemokratische Partei Deutschlands (Bayern-SPD)

Gunnar: Der Kandidat links sollte mal über seinen Schnurrbart nachdenken. Ansonsten: schöne Plakate, eigentlich. So mit Aussage und so. Obwohl der Slogan des mittleren an Wählerbeschimpfung grenzt. In keinem anderen Bundesland trägt die SPD übrigens den Namen des Landes im Logo. Das ist nur in Bayern notwendig. Sonst gerät man bekanntlich in den Verdacht, eine Bande von vaterlandslosen Halunken zu sein.
Niklas: Das mittlere Plakat vertritt die Einstellung “Die Zielgruppe hat keine Ahnung” — eine auch in Marketingkreisen beliebte Haltung. Das rechte kann nur entstanden sein, weil da einer einen Sohn mit Photoshop auf dem Rechner hat — “Das kommt voll lustig, und Bio ist doch ein Trend, oder?”

Als-Stammwähler-würde-ich-mich-schämen-Faktor: 2/5

Die Grünen

Gunnar: Ich muss mich entschuldigen, das spektakulärste Grünen-Plakat habe ich nicht fotografiert: Ludwig für Bayern. Absurd, oder? Direkt noch absurder als das andere (gemalte!) Ludwig-Hartmann-Plakat, obwohl das auch schon… ach, egal. Ego-Wahlkampf vom Herrn Hartmann, sinnbefreit und ohne Aussage. Aber der Maibaum (Mitte) ist ganz nett.
Niklas: Das linke Plakat hat bestimmt ein Mann entworfen, um die armen Frauen zu diskreditieren. Der Schurke. Die Gestaltung ist so schlimm.

Als-Stammwähler-würde-ich-mich-schämen-Faktor: 3/5

Ökologisch-Demokratische Partei (ödp)

Gunnar: Huh. Die Gestaltung ist natürlich abstoßend, aber die Sache mit den Zahlen spricht mich an. Zahlen gehen immer. Wirken so seriös. Finde es auch hübsch, dass der Kandidat Umweltplaner von Beruf ist.
Niklas: Was macht der Löwe da? Soll das ein Angebot einer Autowerkstatt sein oder ein Wahlplakat? Immerhin liebt Herr Lott die Zahlen (Journalisten…)

Als-Stammwähler-würde-ich-mich-schämen-Faktor: 3/5

Freie demokratische Partei (FDP)

Gunnar: Schlimm, schlimm, schlimm. Weiß gar nicht, was mich mehr aufregt — die absurde Abgrenzung zur CSU (“der deutlichste Kontrast zu Schwarz”), das Abfeuern von Pharmalobby-Positionen oder das alberne Logo Dr. Be! unten links, was sozusagen das hippe Signet von Dr. Bertermann sein soll. Argh.
Niklas: Hmm, ist “Bertermann und “Bulfon” wichtiger als das Thema?

Als-Stammwähler-würde-ich-mich-schämen-Faktor: 5/5


Freie Wähler (FW)

Gunnar: Ja. Äh. Gähn. Die einzige Aussage scheint Wir sind nicht wie die anderen zu sein. Bisschen wenig. Aber die FW sind die Helden der Kommunalpolitik, die werden schon wissen, was sie tun.
Niklas: Freie Wähler, talentfreie Gestalter. Das sieht man.

Als-Stammwähler-würde-ich-mich-schämen-Faktor: 4/5

Republikaner (Rep)

Gunnar: Unfassbar bekloppter Slogan: blau wählen. Wusste übrigens gar nicht, dass Blau deren Signaturfarbe ist. Ansonsten: ziemlich mild. Steht nix drauf, was nicht auch bei anderen Parteien stehen könnte.
Niklas: Das kann man auch nur blau ertragen. Aber: schöner Vintage-Look links…

Als-Stammwähler-würde-ich-mich-schämen-Faktor: 5/5

Bayernpartei (BP)

Gunnar: Albern-populistisch, vor allem das Motiv mit dem Benzinpreis. Aber immerhin auch eine halbwegs klare Forderung, wobei mir nicht klar ist, was die mit dem Landtagswahlkampf zu tun hat. Cool ist das altmodische Plakat mit dem Wappen, das hätte ich mir früher sicher als ironisches Statement in die WG-Küche gehängt.
Niklas: Das ist mir als Hamburger zu absurd.

Als-Stammwähler-würde-ich-mich-schämen-Faktor: 3/5

Die Linke

Gunnar: Auch die Linke kann nicht ohne das B-Wort. Ganz vernünftige Plakate, die übrigens schwer zu finden waren — sogar die Bayernpartei war in meiner Gegend präsenter.
Niklas: Gestalterisch kann man das machen.

Als-Stammwähler-würde-ich-mich-schämen-Faktor: 2/5

Nachsatz: So. Vielen Dank für’s Bis-hierhin-Lesen. Ich halte für das Protokoll fest, dass mich keines der Plakate so weit überzeugt hat, dass ich in Erwägung ziehen würde, die jeweilige Partei zu wählen. Die Fotos gesammelt gibt es übrigens hier. Fast alle sind allerdings im 300-Meter-Radius um meine Wohnung entstanden und ergeben daher kein repräsentatives Bild.
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