Politik

Nun, der Steinbrück, was soll man sagen

by Gunnar on 7. Januar 2013 · 22 comments

Der geschätzte Herr Lumma, SPD-Mitglied zwar, aber sonst ganz brauchbar, machte sich heute auf seinem Blog Luft über die “Kampagne” gegen Peer Steinbrück. Ein Auszug:

Peer Steinbrück hat nach einer langen Karriere in der Politik seine Bekanntheit genutzt, um Geld zu verdienen, während er als Abgeordneter im Bundestag sitzt. Ja, und? Journalisten verdienen sich Geld mit dem Schreiben von Reden für andere Leute, mit der Moderation von Firmen-Events oder mit Fernsehwerbung. TV-Moderatoren haben oftmals ihre eigene Produktionsfirma und verdienen fröhlich am öffentlich-rechtlichen Rundfunk mit. […]

Wenn ein Politiker, noch dazu von der SPD, die ja nicht mit Geld umgehen können, glaubt man dem Diktum von Otto Graf Lambsdorff, seine Bekanntheit nutzt, um mit dem Verkünden seiner Ansichten Geld zu verdienen, dann ist das verwerflichst und wird von dem Berufskommentatoren dieser Republik ungefähr auf eine Stufe mit dem Verkaufen des Erstgeborenen in die Sklaverei gestellt.

[…]

Man kann überall lesen, dass sich die Menschen in diesem Lande, da draußen, wie es immer so schön heisst, sich nach Typen sehnen, die unabhängig sind, die eine eigene Meinung vertreten, die nicht führungstreue Parteisoldaten sind. Allerdings erleben wir auch immer wieder, dass die unabhängigen Köpfe entweder irgendwann eingenordet werden und sich strikt der Parteilinie unterordnen, oder aus der aktiven Politik verabschieden. Peer Steinbrück beharrt auf seiner Beinfreiheit, was wiederum zu Kritik führt, denn eine derartige Unabhängigkeit wirkt irgendwie suspekt. Ja, was denn nun?

Ich will darauf gar nicht im Detail eingehen, man könnte einiges zu der Problematik sagen, dass der Vergleich zwischen Politikern und Moderatoren auf zwei Beinen hinkt oder dazu, dass es bei Steinbrück möglicherweise nicht um das Einebnen eines unbequemen Denkers geht, sondern vielleicht auch darum, einen Kandidaten für das wichtigste politische Amt auf seine moralische und fachliche Eignung zu untersuchen. Aber wurscht, mir geht’s um was anderes:

Ich bin da ganz einfach gestrickt. Ich möchte bei Politikern das Gefühl haben, dass sie nicht Wasser predigen und Wein trinken. Ich möchte, dass sie ein bisschen Demut empfinden, wenn sie ein gut dotiertes Amt vom Volk anvertraut bekommen. Ich möchte, dass sie nicht ausschließlich das eigene Ego oder den Wahlkampf im Auge haben, sondern sich bewusst sind, dass sie da sind, wo sie sind, um eine Funktion zu erfüllen.

Bei Peer Steinbrück* habe ich, sorry, dieses Gefühl nicht. Ich bin der altmodischen Meinung, dass man, wenn man Abgeordnetenbezüge bezieht, gefälligst zu den Sitzungen geht. Und dass der Abgeordneten-Job der Schwerpunkt des eigenen Berufslebens sein sollte. Und dass man sich nicht allzu weit vom Volk entfernen sollte, wenn man dessen Belange vertreten will. Ein Millioneneinkommen ist nicht verwerflich, hilft aber auch nicht, die Nöte der Leute zu verstehen, die Straßenbahn fahren. Wem es gefällt, als gut bezahlter Pausenclown auf Firmenveranstaltungen aufzutreten, der ist vielleicht nicht gut beraten, sich auf ein Amt einzulassen, bei dem es um mehr geht als den eigenen Ruhm, Geld und freundliches Schulterklopfen.

* Das geht mir nicht nur mit Steinbrück so, natürlich.

Politiker und Nebentätigkeiten

by Gunnar on 9. November 2012 · 15 comments

Habe mal, wie es das Recht eines Bürgers ist, mir die Freiheit genommen, einen Brief an meinen Abgeordneten zu schreiben, der gestern (als CDU-Mann nicht überraschend) mit seinen Kollegen gegen die Offenlegung der Nebeneinkünfte von Abgeordneten gestimmt hat. Was ich, Parteipolitik hin oder her, für einen Skandal halte. In anderen Ländern ist ja die Demokratie auch nicht zusammengebrochen, weil man da ein bisschen offener sein muss.

Vielleicht fühlt sich ja jemand inspiriert.

Sehr geehrter Herr Wellenreuther,

mit Bedauern habe ich zur Kenntnis genommen, dass Sie mit Ihrer Fraktion gegen eine größere Transparenz bei den Nebentätigkeiten der Abgeordneten gestimmt haben.

Politiker der CDU führen gerne, bei der Verschärfung von Gesetzen im Sicherheitsbereich etwa, die Maxime “Wer nichts zu verbergen hat, hat nichts zu befürchten” im Munde, wir müssen nun nach dieser Abstimmung leider davon ausgehen, dass Sie alle von der Offenlegung etwas zu befürchten hätten.

Das ist sehr schade, es hätte ein guter Tag für die repräsentative Demokratie werden können. So gehen wir alle den eingeschlagenen Weg weiter, in Richtung sinkender Wahlbeteiligungen, Politikverdrossenheit, Abwendung der Bürger von den Institutionen des Staates und der Demokratie.

Selbstverständlich sind Sie jetzt als Oberbürgermeister einer Stadt auch nicht mehr wählbar, ich werde davon absehen, Sie bei der kommenden OB-Wahl zu unterstützen.

Mit freundlichem Gruße,

Gunnar Lott
Kaiserallee 51a
76133 Karlsruhe

Okay, das ist jetzt leicht über-dramatisiert, ich hätte einen CDU-Mann vermutlich eh nicht gewählt, aber man kann ja mal versuchen, diesen Leuten ins Gewissen zu reden. Ich gebe die Hoffnung nicht auf.

LTWSH 2012

by Gunnar on 7. Mai 2012 · 8 comments

Da ich in auf meiner Reise vom engagierten Jungwähler und Aktivist zum frustrierten Nichtwähler schon viele Bahnhöfe passiert habe (ohne wirklich aussteigen zu wollen), ging mir auch die Wahl in Schleswig-Holstein am Arsch vorbei, gelinde gesagt.

Das einzige, was mich noch zuweilen aufzuregen vermag, ist die FDP. Zu deren Abschneiden verfasste ich folgenden Tweet:

Worauf mir der FDP-Vorsitzende von Grevenbroich so antwortete:

Nun, mal abgesehen, von der Kampf-Rhetorik, die mich bei Parteien immer etwas ärgert…

Einschub: In meinem Demokratieverständnis ist eine Wahl kein Rennen, bei dem der Schnellere oder Stärkere gewinnt, sondern ein Vergleich von Ideen, Plänen und Anschauungen. Ein Fußballer, der in der Nachspielzeit ein Tor geschossen oder verhindert hat, kann vom Kampf sprechen — ein Politiker sollte sich allenfalls demütig für das Vertrauen bedanken. Selbst wenn es so wäre (was ich wirklich nicht glaube), dass die Wähler den wählen, der bessere Plakate macht und häufiger auf dem Schützenfest auftritt, möchte ich nicht, dass das Vertrauen der Wähler als eine Art Belohnung für die Arbeit der vergangenen Wahlkampfwochen aufgefasst wird. Es sollte andersherum sein: Die Wähler machen am Wahltag das Geschenk, in den kommenden Jahren zahlt man es durch harte Arbeit, Ehrlichkeit und kompetente Entscheidungen zurück.

… hat Herr Schumacher natürlich recht. Das FDP-Ergebnis ist das zweitbeste ev0r. Man kann das so sehen, dass die FDP gegen den Bundestrend ein gutes Ergebnis geholt hat, dass das Ende des Abwärtstrends nahe ist, et cetera.

Allerdings ist das 2012-Ergebnis eben auch nur das zweitbeste der letzten beiden Wahlen. Man kann auch einwenden, dass die FDP ihren Vertrauensvorschuss von 2009 einfach größtenteils wieder verspielt hat. Und dass das Ende von Schwarz-Geldb nicht auf Verluste der CDU zurückgeht, sondern eben nur auf die Schwäche der FDP, im Norden wie anderswo.

Und außerdem: Wenn der FDP-Kandidat dort nicht einen Anti-FDP-Wahlkampf geführt hat, dann weiß ich nicht.

Die SZ sieht das ganze noch ein bisschen krasser und sieht die relative Stärke der FDP (auch manifestiert in, whoa, 6%-Hochrechnungen in NRW) als Leben nach dem Tod, Zombietum quasi.

Update:

Der Postillion weiß, was wirklich passiert ist.

Zum Thema Gauck

by Gunnar on 21. Februar 2012 · 2 comments

Das Netz sprudelt derzeit über vor Kritik an Gauck, dem designierten Bundespräsidenten. Soviel, dass man’s schon wieder parodieren muss:

Anatol Stefanowitsch, Sprachwissenschaftler und Blogger, hat sich die Äußerungen von Gauck mal 17.272 Zeichen lang vorurteilsfrei angeschaut, hier ist seine lesenswerte Analyse:

Der böse Gauck und das Netz.

Ein letztes Wort zur Causa Wulff

by Gunnar on 17. Februar 2012 · 29 comments

‎”wenn man die Maßstäbe die man beim ihm angelegt hat, auch bei allen potenziellen Nachfolgern anlegt, und unsere “Journaille” wieder so fleißig in deren Vergangenheit kramt, wird es sehr sehr schwer sein, einen geeigneten Nachfolger zu finden”

… meinte ein User auf Facebook heute bei einer Diskussion um die Wulff-Klamotte, die heute hoffentlich ihren Abschluss gefunden hat. (Der Rest ist Sache der Ermittlungsbehörden.) Diese Meinung, dass Wulff (auch) an ungerechten Maßstäben gescheitert sei, ist nicht selten.

Dazu möchte ich nur ganz kurz und abschließend anmerken, dass ebensolche und durchaus noch härtere Maßstäbe täglich bei kleinen Beamten, Putzfrauen, Kassiererinnen und anderen Menschen angelegt werden. In den “Richtlinien zum Verbot der Annahme von Belohnungen und Geschenken” für Angestellte der Stadt München etwa ist alles an Zuwendungen verboten, was die Wertgrenze von 15 Euro übersteigt. Die gründlichen Münchner haben auch gleich sicherheitshalber noch drauf hingewiesen, dass diese Summe überschritten ist, wenn man mehr als ein Hendl und ein Bier auf dem Oktoberfest spendiert kriegt. Zinsvergünstigte Darlehen sind auch ausdrücklich erwähnt. In Niedersachsen dürfen Beamte nicht einmal ein paar Bonbons annehmen.

In Hannover hat, nach einer Verschärfung der Regeln durch die Wulff-Regierung, ein Polizeibeamter seinen Job verloren, weil er zwei Rispen Weintrauben von einem LKW-Fahrer bei einer Kontrolle angenommen hat. Und wir wollen die Verkäuferin nicht vergessen, die 2009 bei Tengelmann geflogen ist, wegen Pfandbons im Wert von 1,30.

Ich bitte alle, die Wulff als ein armes Opfer ansehen, sich jemanden zu suchen, der seine Existenz oder seine Pensionsansprüche oder seinen guten Ruf wegen einer Lappalie dieser Art verloren hat und demjenigen mal die Rede vom armen Wulff und den bösen Medien zu halten.

Ein Beruf, eine Position oder ein Amt bestehen vor allem aus Aufgaben und Pflichten, denen dann als Kompensation ein Gehalt gegenüber steht. Viel zu viele Leute, neben Politikern und Managern auch Journalisten, neigen dazu, den historisch gewachsenen oder persönlich annektierten Strauß an Privilegien (Einladungen, Weihnachtsgeschenke, Freiexemplare, Leihstellungen, Betreuung, Freifahrten, Upgrades et cetera) für einen selbstverständlichen Teil der Entlohnung zu halten.

Die Schuld des anderen

by Gunnar on 7. Januar 2012 · 2 comments

Eine kurze Überlegung zur Lage der FDP.

Nun, wenn man sich aktuelle Umfragen so anschaut, scheint sich der alte Schimpf, die Buchstaben F.D.P. stünden für Fast Drei Prozent, einmal wieder zu bewahrheiten.

Die zeitliche Abfolge der Ereignisse immerhin erlaubt es den Totengräbern der Partei, sich nicht allzu scheiße zu fühlen:

Westerwelle wird denken, nun, zu meiner Zeit hatten wir mehr Prozente, der Rösler hat’s komplett versaut. Da kann die elende Funktionärscamarilla mal sehen, was ihnen der neue Kurs gebracht hat.

Rösler wird denken, nun, die Abwärtsspirale, die der Westerwelle eingeleitet hat, ist offenbar nicht zu stoppen, nicht mal durch Superchecker wie mich. Da kann die elende Funktionärscamarilla mal sehen, wie tief uns der Kurs der letzten Jahre in die Sackgasse geführt hat.

Herr Brüderle, wieviel Prozent für die FDP streben Sie bei der nächsten Wahl an?

Die Schulden des Herrn Bundes [inkl. Update]

by Gunnar on 18. Oktober 2011 · 8 comments

Herr Kaliban betreibt Volksbildung.

Wir schauen uns mal den Bundeshaushalt an, beispielsweise den von 2010. Da stehen lauter riesige Summen, mit unnötig vielen Nullen. Nehmen wir mal die nackten Zahlen und denken uns die meisten Nullen weg.

Damit kommen wir in die Größenordnung eines deutschen Singlehaushalts. Herr Bundes ist, sagen wir, Bäcker und verdient knapp 2.000 Kröten im Monat. Also:

Einnahmen: 23.800 Euro

Leider lebt Herr Bundes über seine Verhältnisse:

Ausgaben: 31.900 Euro. Davon allein 3.700 für Zinsen.

Warum die hohen Zinsen? Nun, Herrn Bundes drücken die Sünden der Vergangenheit:

Schulden: 128.400 Euro

Die Lage ist allerdings nicht hoffnungslos, Herr Bundes hat ganz ordentlich Vermögen:

Immerhin liegen im Safe noch für fast 25.000 Euro Aktien und seine Wohnung ist auch gut 100.000 wert. Er hat aber in den letzten Jahren schon ein paar Tausend Euro aus dem Vermögen flüssig machen müssen, um drückende Schulden zu bedienen.

Und neulich hat er sich dazu hinreißen lassen, mit ein paar Kumpels, Pierre, Ole und John und den anderen, für Spyros zu bürgen, der mit seiner Gyrosbude in eine finanzielle Schieflage geraten ist.

Der Bürgschaftsanteil von Herrn Bundes hierfür beträgt 21.100 Euro.

Das wäre natürlich blöd, wenn Herr Bundes da in Haftung genommen würde, wo er doch schon so seine Finanzen nicht im Griff hat. Aber Herr Bundes ist hoffnungsfroh und plant für die nächsten Jahre Gehaltserhöhungen, die ihn 2015 soweit gebracht haben sollen, dass er pro Monat nur noch knapp 100 Euro Miese macht. An den Abbau der Schulden denkt er nicht, er hat ja einen sicheren Job und kann die Zinsen einigermaßen stemmen.

[Dieses Rechenexempel wurde inspiriert von dieser Aufstellung, die Zahlen orientieren sich an öffentlichen Quellen, BMF u.ä. ]

Wie so oft in Blogs, auch und gerade in diesem, hätte der Beitrag noch viel besser sein können, wenn ich ihn von vornherein gemeinsam mit den Usern geschrieben hätte. Hier die besten Ergänzungen aus den Kommentaren:

Nun arbeitet Herr Bundes nicht für sich selbst, sondern vor allem für die etlichen anderen Bäcker, die in seiner Wohnung wirtschaften. Und die verkaufen ordentlich Brot an Herrn Spyros: jedes Jahr Backwaren im Wer von etwa 1000 Euro. Hinzu gehört diesen Bäckern bereits Teile der Gyrosbude, und wenn Herr Spyros pleite ginge, dann wäre was los.

Herr Spyros könnte sich, so wie zuvor einige südamerikanische Herren, aus dem System ausklinken, was ihm erlauben würde, günstig sein eigenes Brot zu backen. Aber die Bäcker, für die Herr Bundes arbeitet, wollen das auf keinen Fall, denn immerhin gehören sie zusammen zu den am besten verkaufenden Bäckern der Welt.

Attraktiver ist es, wenn Herr Spyros irgendwie an seiner Bude festhält, weiter das Brot von Herrn Bundes kauft, und anstatt Geld zu leihen, dass ihm inzwischen niemand mehr geben will, vielleicht seine Kinder ein wenig hungern lässt. Aber nur so viel, dass sie ihn nicht irgendwann packen und ins Meer werfen. [Morlock]

Ein besserer Ansatz wär: Herr Bund ist leider unmündig. Daher wird für ihn von seiner Familie alle 4 Jahre ein neuer Betreuer bestimmt. Dummerweise ist der Markt für Betreuer sehr klein, und wie das in der Marktwirtschaft so ist, versprechen die Betreuer vor Arbeitsantritt ihres 4 Jahres-Arbeitsvertrags (mit absolutem Kündigungsschutz) so ziemlich alles, was seine Familie hören will. Noch schlimmer: Seine Familie ist sehr vergesslich. Jedesmal, wenn die Verlängerung des Arbeitsvertrages ansteht, vergisst sie sowohl die Dinge, die in den ersten Jahren geschahen, wie auch die Arbeitsleistung seiner Vorgänger. Auch wenn die angestellten Betreuer wissen, dass Herr Bund quasi pleite ist, sind sie sehr bemüht, in den 4 Jahren des Arbeitsvertrages möglichst viel Party von Herr Bundes Vermögen zu machen und ihm noch möglichst tief in die Sparsocke zu greifen… [Achim Sp]

Man könnte vielleicht noch ergänzen, dass Herr Bundes zwar 128.400€ Schulden hat, sein Betrieb aber auch einen Jahresumsatz von 156.000€ hat und ihn der Herr von der Sparkasse zwar an seinen Verpflichtungen erinnern kann, aber keinerlei Möglichkeiten hat, ihn zur Zahlung zu verpflichten. Übrigens liegen die Zinsen für Bundesanleihen momentan auch auf einem Rekordtief unterhalb des Inflationsniveaus. Normalerweise sollte Herr Bundes da mal einen ordentlichen Schluck aus der Pulle nehmen um mit dem Geld beispielsweise seine Werkseinfahrt zu erneuern, neue Maschinen zu installieren und seine Mitarbeiter zur Fortbildung zu schicken. [Philip]

Herr Kaliban regt sich über Politiker auf. Mal wieder.

Erinnert sich noch jemand an 1992? Da war der Höhepunkt der Asyldebatte, Worte wie “Überfremdung” waren in aller Munde; und die rechten “Republikaner” hatten ihre große Stunde, sie waren eben mit fast 11 Prozent in den Landtag von Baden-Württemberg eingezogen. Im August gab es ausländerfeindliche Krawalle in Rostock (vielleicht ganz gut zur Auffrischung: eine SpTV-Sendung von damals), und die Politik war in Panik. Die Kohl-Regierung sah ihr Heil in der Eindämmung der Asylbewerberzahlen und offenbarte Abgründe. Der Spiegel schrieb in Ausgabe 46/1992:

Im Kreis seiner Mitarbeiter im Kanzleramt offenbarte Kohl, woran er denkt: Wenn sich bald über 700 000 Asylbewerber in Deutschland drängten und wenn die erforderlichen Grundgesetzänderungen mit der SPD nicht zu machen seien, dann werde er sich so verhalten, “als ob” die einschlägigen Grundgesetz-Artikel geändert worden wären.

Und Weigel von der CSU sekundierte mit der Drohung, falls das alles nicht anders ginge, müsse man eben den “Gesetzgebungswege mit hohem verfassungsrechtlichen Risiko” beschreiten.

Ich saß da, mit meinem jugendlichen Demokratieenthusiasmus und wartete, dass der Blitz einschlüge. Führende Politiker sprachen offen vom Bruch der Verfassung und davon, sich einfach so nicht an geltendes Recht zu halten, dafür gab es keinen Präzedenzfall. Mal abgesehen von dem Deutschen Herbst und der RAF-Sache. Ich nahm an, dass jetzt eben die Verfassungspolizei ausrücken würden, um die Spitze der CDU/CSU festzunehmen, aber nichts geschah. Mein handfestes Vertrauen in die Demokratie sank um 20 Punkte, aber das Leben ging weiter.

Es folgen Skandale auf Skandale, aber etwas Vergleichbares geschah nicht mehr. Bis dieser Tage: Die Polizei schickt, gegen geltendes Recht, schlecht programmierte trojanische Pferde auf die Rechner von Verdächtigen und was sagen die zuständigen Politiker?

“Das ist eine Frage, die unter Juristen umstritten ist. Das Landgericht Landshut sagt, es sei nicht erlaubt. Die bayerische Staatsregierung sagt, es sei erlaubt. Man kann ja auch anderer Auffassung sein als ein Landgericht.” (Innenminister Friedrich, CSU, Quelle: FAZ)

Ah, wenn eine Behörde anderer Aufassung ist als ein Landgericht, dann muss sie sich nicht an dessen Vorgaben halten? Das ist ja hübsch.

Wo bleiben Gottes Blitze? Warum ist die Verfassungspolizei noch nicht unterwegs, um Friedrich und Uhl festzunehmen?

Ich mag unglaublich naiv sein, aber ich begreife nicht, was Politiker dazu treibt, sich implizit oder explizit, durch Taten oder Worte, gegen geltendes Recht zu stellen. Klar, es gibt Zwänge, wenn Behörden oder Lobbyisten Druck machen. Klar, man hat Angst vor den Wählern. Aber das Gesetz ist doch immer ein sicherer Boden, auf den man sich zurückziehen kann. Und dann breitet man die Arme aus und sagt, tja, sorry, das Gesetz, sie wissen schon, das gilt auch und besonders für uns Politiker.

Ich kann verstehen, warum die Regierung unter der Hand Panzer verkauft, da macht man Industrievertreter und Verbündete glücklich, was gehen einen da abstrakte Exportrichtlinien an. Aber wo ist eigentlich der Lustgewinn bei der Inneren Sicherheit, warum sind so viele Politiker (durchaus nicht nur aus der Union) allzu leicht bereit, Bürgerrechte zu opfern, für nichts als einen imaginären Gewinn an Sicherheit. Ist da eine mächtige Lobby am Werk, ist das irgendwo ein psychologisches Problem, bringt das unmittelbar Wählerstimmen?

Mir ist das alles unbegreiflich. Man sollte die Herren in den hohen Ämtern vielleicht doch besser präventiv überwachen, das scheinen ja aus Verfassungssicht unsichere Kantonisten zu sein.

“Ausschaffen”, aber pronto?

by Gunnar on 30. November 2010 · 18 comments

Huh?

Kann es sein, dass die Tatsache, dass die Schweizer Bevölkerung am Wochenende ihre Regierung aufgefordert hat, das Ausländerrecht potenziell ins Absurde zu verschärfen, im Wikileaks-Sturm untergegangen ist?

Das Sturmgeschütz der Demokratie belässt es bei einer Agenturmeldung, die FAZ bei einem kurzen Bericht, Zeit.de hat ihrer ausführlichen Analyse von neulich offenbar nichts mehr hinzuzufügen. Auch in den Blogs ist es ruhig.

Ist aber auch clever von den Schweizern, das Referendum genau zwischen Wikileaks und Stuttgart 21-Schlichtung einzuschieben.

Die aktuelle Sau auf der Dorfstraße

by Gunnar on 1. September 2010 · 5 comments

Eigentlich wollte der Herr Kaliban auch was zur Sarrazin-Debatte sagen. Ach.

Aber man soll nicht mit Wut schreiben, da habe ich den halbfertigen Text weggeworfen. Außerdem ist die ganze alberne Debatte schon zu weit fortgeschritten, als dass man sie noch vernünftig einfangen könnte. Und ich habe keine rechte Lust, das Buch komplett zu lesen. Ich zitiere also nur mich selber:

Und verweise ansonsten auf den gewohnt souveränen Herrn Spreng und zudem auf einen Beitrag des von mir eher weniger geschätzten Frank Schirrmacher, der aber — bei aller Sympathie für Sarrazin — auch nicht umhin kann, das Verlogene am Buch zu kritisieren:

“Sarrazin blendet eine jahrhundertelange, zum Teil verheerende wissenschaftliche Rezeptionsgeschichte darwinistischer Theorien aus und schließt an sie an, als seien sie Erkenntnis von heute. Damit es nicht auffällt, verschleiert er die Terminologie.”

Deutlichere Worte findet — natürlich — Herr Sickendieck von F!xmbr.

Bankzinsenluder?

Juni 19, 2010

Ohne weiteren Anlass. Hier sind meine 5 Lieblingsanagramme aus dem Wort “Bundeskanzlerin”.

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Unter’m Schuh die, äh, 5.0

Juni 17, 2010

Herr Kaliban spürt ein ganz klein wenig Hoffnung, wenn er sich die Umfragewerte der FDP anguckt.

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