Politiker

Medienhetze vermeiden — so geht’s!

by Gunnar on 22. April 2013 · 17 comments

Auf Facebook, da las ich eine typische Klage:

medienhetze

Medienhetze, ein schlimmes Problem, in der Tat. Dabei liegt das doch alles auf der Hand, das ist eigentlich alles sonnenklar.

Das alles, all die Probleme, all die schmerzhaften Missverständnisse zwischen Medien und Promis, die resultieren offenbar nur aus der Unkenntnis der Betroffenen.

Glücklicherweise bin ich ja PR-Berater einerseits und (Vorgarten-)Prominenter andererseits und weiß daher Rat. Ich habe sogar ein patentiertes Rezept entwickelt, mit dem man einen großen Teil der Medienhetze von vornherein vermeidet:

Medienhetze vermeiden LIKE A NINJA

 Der Kern davon ist, als Person im Licht der Öffentlichkeit sich — chamäleonartig — den durchschnittlichen moralischen Standards der Bevölkerungsmehrheit anzupassen.

Das klingt natürlich zunächst einmal verrückt.

Aber ich, ich zum Beispiel halte mich strikt daran:

Ich gehe nicht fremd (“echt?” fragt Herr Seehofer), hinterziehe keine Steuern (“wie geht das?”, fragt Herr Hoeneß), schreibe meine Publikationen selbst (“das kann man?”, staunt der Herr Baron) und baue gerade ein Haus, ohne mir Geld von PR-Beratern oder Großindustriellen zu leihen (“das ist verrückt”, finden die Herren Özdemir und Wulff). Weiterhin gehe ich respektvoll mit Frauen um (“Respekt und Frauen in einem Satz? Irre!” wundert sich der Brüderle) und enthalte mich der Mitgliedschaft in einem Flugmeilenprogramm (“die schönen Freiflüge” ächzt Herr Gysi).

Und voilá, ich bin heute zum 87. Mal in Folge (allein in diesem Jahr) nicht mit Negativschlagzeilen auf der Titelseite der BILD. Das System funktioniert!

Quod erat demonstrandum.

Falls Politiker mitlesen: Ich stelle Ihnen das Rezept in ausgearbeiteter Form gerne zur Verfügung. Kostet mit Workshop und Kommunikationsberatung nur 14.999 Euro, Spesen und Catering extra.

Im Ernst: Ich weiß nicht, wie im Fall der mutmaßlichen Steuerhinterziehung von Uli Hoeneß die Sachlage wirklich aussieht. Vermutlich wird man’s in Kürze erfahren, mir ist es herzlich egal. Das einzige, was mich an diesem Fall ärgert, ist, dass Hoeneß sich immer mit so einer “Ich bin ein ehrbarer Kaufmann”-Aura umgeben hat — das hat was von Wasser predigen und Wein saufen. Der Postillon hat das hübsch aufgespießt. Und natürlich nerven mich die Apologeten, die anlässlich der (in Tat einigermaßen unangemessenen) Vorverurteilungen der Medien auf den “Oh, die armen Promis haben’s so schwer”-Argumentationszug springen. Diesen Zug, der schon seit Jahren in die falsche Richting fährt.

Nun, der Steinbrück, was soll man sagen

by Gunnar on 7. Januar 2013 · 22 comments

Der geschätzte Herr Lumma, SPD-Mitglied zwar, aber sonst ganz brauchbar, machte sich heute auf seinem Blog Luft über die “Kampagne” gegen Peer Steinbrück. Ein Auszug:

Peer Steinbrück hat nach einer langen Karriere in der Politik seine Bekanntheit genutzt, um Geld zu verdienen, während er als Abgeordneter im Bundestag sitzt. Ja, und? Journalisten verdienen sich Geld mit dem Schreiben von Reden für andere Leute, mit der Moderation von Firmen-Events oder mit Fernsehwerbung. TV-Moderatoren haben oftmals ihre eigene Produktionsfirma und verdienen fröhlich am öffentlich-rechtlichen Rundfunk mit. [...]

Wenn ein Politiker, noch dazu von der SPD, die ja nicht mit Geld umgehen können, glaubt man dem Diktum von Otto Graf Lambsdorff, seine Bekanntheit nutzt, um mit dem Verkünden seiner Ansichten Geld zu verdienen, dann ist das verwerflichst und wird von dem Berufskommentatoren dieser Republik ungefähr auf eine Stufe mit dem Verkaufen des Erstgeborenen in die Sklaverei gestellt.

[...]

Man kann überall lesen, dass sich die Menschen in diesem Lande, da draußen, wie es immer so schön heisst, sich nach Typen sehnen, die unabhängig sind, die eine eigene Meinung vertreten, die nicht führungstreue Parteisoldaten sind. Allerdings erleben wir auch immer wieder, dass die unabhängigen Köpfe entweder irgendwann eingenordet werden und sich strikt der Parteilinie unterordnen, oder aus der aktiven Politik verabschieden. Peer Steinbrück beharrt auf seiner Beinfreiheit, was wiederum zu Kritik führt, denn eine derartige Unabhängigkeit wirkt irgendwie suspekt. Ja, was denn nun?

Ich will darauf gar nicht im Detail eingehen, man könnte einiges zu der Problematik sagen, dass der Vergleich zwischen Politikern und Moderatoren auf zwei Beinen hinkt oder dazu, dass es bei Steinbrück möglicherweise nicht um das Einebnen eines unbequemen Denkers geht, sondern vielleicht auch darum, einen Kandidaten für das wichtigste politische Amt auf seine moralische und fachliche Eignung zu untersuchen. Aber wurscht, mir geht’s um was anderes:

Ich bin da ganz einfach gestrickt. Ich möchte bei Politikern das Gefühl haben, dass sie nicht Wasser predigen und Wein trinken. Ich möchte, dass sie ein bisschen Demut empfinden, wenn sie ein gut dotiertes Amt vom Volk anvertraut bekommen. Ich möchte, dass sie nicht ausschließlich das eigene Ego oder den Wahlkampf im Auge haben, sondern sich bewusst sind, dass sie da sind, wo sie sind, um eine Funktion zu erfüllen.

Bei Peer Steinbrück* habe ich, sorry, dieses Gefühl nicht. Ich bin der altmodischen Meinung, dass man, wenn man Abgeordnetenbezüge bezieht, gefälligst zu den Sitzungen geht. Und dass der Abgeordneten-Job der Schwerpunkt des eigenen Berufslebens sein sollte. Und dass man sich nicht allzu weit vom Volk entfernen sollte, wenn man dessen Belange vertreten will. Ein Millioneneinkommen ist nicht verwerflich, hilft aber auch nicht, die Nöte der Leute zu verstehen, die Straßenbahn fahren. Wem es gefällt, als gut bezahlter Pausenclown auf Firmenveranstaltungen aufzutreten, der ist vielleicht nicht gut beraten, sich auf ein Amt einzulassen, bei dem es um mehr geht als den eigenen Ruhm, Geld und freundliches Schulterklopfen.

* Das geht mir nicht nur mit Steinbrück so, natürlich.

Politiker und Nebentätigkeiten

by Gunnar on 9. November 2012 · 15 comments

Habe mal, wie es das Recht eines Bürgers ist, mir die Freiheit genommen, einen Brief an meinen Abgeordneten zu schreiben, der gestern (als CDU-Mann nicht überraschend) mit seinen Kollegen gegen die Offenlegung der Nebeneinkünfte von Abgeordneten gestimmt hat. Was ich, Parteipolitik hin oder her, für einen Skandal halte. In anderen Ländern ist ja die Demokratie auch nicht zusammengebrochen, weil man da ein bisschen offener sein muss.

Vielleicht fühlt sich ja jemand inspiriert.

Sehr geehrter Herr Wellenreuther,

mit Bedauern habe ich zur Kenntnis genommen, dass Sie mit Ihrer Fraktion gegen eine größere Transparenz bei den Nebentätigkeiten der Abgeordneten gestimmt haben.

Politiker der CDU führen gerne, bei der Verschärfung von Gesetzen im Sicherheitsbereich etwa, die Maxime “Wer nichts zu verbergen hat, hat nichts zu befürchten” im Munde, wir müssen nun nach dieser Abstimmung leider davon ausgehen, dass Sie alle von der Offenlegung etwas zu befürchten hätten.

Das ist sehr schade, es hätte ein guter Tag für die repräsentative Demokratie werden können. So gehen wir alle den eingeschlagenen Weg weiter, in Richtung sinkender Wahlbeteiligungen, Politikverdrossenheit, Abwendung der Bürger von den Institutionen des Staates und der Demokratie.

Selbstverständlich sind Sie jetzt als Oberbürgermeister einer Stadt auch nicht mehr wählbar, ich werde davon absehen, Sie bei der kommenden OB-Wahl zu unterstützen.

Mit freundlichem Gruße,

Gunnar Lott
Kaiserallee 51a
76133 Karlsruhe

Okay, das ist jetzt leicht über-dramatisiert, ich hätte einen CDU-Mann vermutlich eh nicht gewählt, aber man kann ja mal versuchen, diesen Leuten ins Gewissen zu reden. Ich gebe die Hoffnung nicht auf.

LTWSH 2012

by Gunnar on 7. Mai 2012 · 8 comments

Da ich in auf meiner Reise vom engagierten Jungwähler und Aktivist zum frustrierten Nichtwähler schon viele Bahnhöfe passiert habe (ohne wirklich aussteigen zu wollen), ging mir auch die Wahl in Schleswig-Holstein am Arsch vorbei, gelinde gesagt.

Das einzige, was mich noch zuweilen aufzuregen vermag, ist die FDP. Zu deren Abschneiden verfasste ich folgenden Tweet:

Worauf mir der FDP-Vorsitzende von Grevenbroich so antwortete:

Nun, mal abgesehen, von der Kampf-Rhetorik, die mich bei Parteien immer etwas ärgert…

Einschub: In meinem Demokratieverständnis ist eine Wahl kein Rennen, bei dem der Schnellere oder Stärkere gewinnt, sondern ein Vergleich von Ideen, Plänen und Anschauungen. Ein Fußballer, der in der Nachspielzeit ein Tor geschossen oder verhindert hat, kann vom Kampf sprechen — ein Politiker sollte sich allenfalls demütig für das Vertrauen bedanken. Selbst wenn es so wäre (was ich wirklich nicht glaube), dass die Wähler den wählen, der bessere Plakate macht und häufiger auf dem Schützenfest auftritt, möchte ich nicht, dass das Vertrauen der Wähler als eine Art Belohnung für die Arbeit der vergangenen Wahlkampfwochen aufgefasst wird. Es sollte andersherum sein: Die Wähler machen am Wahltag das Geschenk, in den kommenden Jahren zahlt man es durch harte Arbeit, Ehrlichkeit und kompetente Entscheidungen zurück.

… hat Herr Schumacher natürlich recht. Das FDP-Ergebnis ist das zweitbeste ev0r. Man kann das so sehen, dass die FDP gegen den Bundestrend ein gutes Ergebnis geholt hat, dass das Ende des Abwärtstrends nahe ist, et cetera.

Allerdings ist das 2012-Ergebnis eben auch nur das zweitbeste der letzten beiden Wahlen. Man kann auch einwenden, dass die FDP ihren Vertrauensvorschuss von 2009 einfach größtenteils wieder verspielt hat. Und dass das Ende von Schwarz-Geldb nicht auf Verluste der CDU zurückgeht, sondern eben nur auf die Schwäche der FDP, im Norden wie anderswo.

Und außerdem: Wenn der FDP-Kandidat dort nicht einen Anti-FDP-Wahlkampf geführt hat, dann weiß ich nicht.

Die SZ sieht das ganze noch ein bisschen krasser und sieht die relative Stärke der FDP (auch manifestiert in, whoa, 6%-Hochrechnungen in NRW) als Leben nach dem Tod, Zombietum quasi.

Update:

Der Postillion weiß, was wirklich passiert ist.

Game of Thrones, American Cast

by Gunnar on 1. Mai 2012 · 4 comments

Okay, ist nur lustig für Leute, die “Game of Thrones” als Serie gesehen haben.

[Wird auf Klick noch ein bisschen größer, Quelle unbekannt.]

Zum Thema Gauck

by Gunnar on 21. Februar 2012 · 2 comments

Das Netz sprudelt derzeit über vor Kritik an Gauck, dem designierten Bundespräsidenten. Soviel, dass man’s schon wieder parodieren muss:

Anatol Stefanowitsch, Sprachwissenschaftler und Blogger, hat sich die Äußerungen von Gauck mal 17.272 Zeichen lang vorurteilsfrei angeschaut, hier ist seine lesenswerte Analyse:

Der böse Gauck und das Netz.

Ein letztes Wort zur Causa Wulff

by Gunnar on 17. Februar 2012 · 29 comments

‎”wenn man die Maßstäbe die man beim ihm angelegt hat, auch bei allen potenziellen Nachfolgern anlegt, und unsere “Journaille” wieder so fleißig in deren Vergangenheit kramt, wird es sehr sehr schwer sein, einen geeigneten Nachfolger zu finden”

… meinte ein User auf Facebook heute bei einer Diskussion um die Wulff-Klamotte, die heute hoffentlich ihren Abschluss gefunden hat. (Der Rest ist Sache der Ermittlungsbehörden.) Diese Meinung, dass Wulff (auch) an ungerechten Maßstäben gescheitert sei, ist nicht selten.

Dazu möchte ich nur ganz kurz und abschließend anmerken, dass ebensolche und durchaus noch härtere Maßstäbe täglich bei kleinen Beamten, Putzfrauen, Kassiererinnen und anderen Menschen angelegt werden. In den “Richtlinien zum Verbot der Annahme von Belohnungen und Geschenken” für Angestellte der Stadt München etwa ist alles an Zuwendungen verboten, was die Wertgrenze von 15 Euro übersteigt. Die gründlichen Münchner haben auch gleich sicherheitshalber noch drauf hingewiesen, dass diese Summe überschritten ist, wenn man mehr als ein Hendl und ein Bier auf dem Oktoberfest spendiert kriegt. Zinsvergünstigte Darlehen sind auch ausdrücklich erwähnt. In Niedersachsen dürfen Beamte nicht einmal ein paar Bonbons annehmen.

In Hannover hat, nach einer Verschärfung der Regeln durch die Wulff-Regierung, ein Polizeibeamter seinen Job verloren, weil er zwei Rispen Weintrauben von einem LKW-Fahrer bei einer Kontrolle angenommen hat. Und wir wollen die Verkäuferin nicht vergessen, die 2009 bei Tengelmann geflogen ist, wegen Pfandbons im Wert von 1,30.

Ich bitte alle, die Wulff als ein armes Opfer ansehen, sich jemanden zu suchen, der seine Existenz oder seine Pensionsansprüche oder seinen guten Ruf wegen einer Lappalie dieser Art verloren hat und demjenigen mal die Rede vom armen Wulff und den bösen Medien zu halten.

Ein Beruf, eine Position oder ein Amt bestehen vor allem aus Aufgaben und Pflichten, denen dann als Kompensation ein Gehalt gegenüber steht. Viel zu viele Leute, neben Politikern und Managern auch Journalisten, neigen dazu, den historisch gewachsenen oder persönlich annektierten Strauß an Privilegien (Einladungen, Weihnachtsgeschenke, Freiexemplare, Leihstellungen, Betreuung, Freifahrten, Upgrades et cetera) für einen selbstverständlichen Teil der Entlohnung zu halten.

Die Schuld des anderen

by Gunnar on 7. Januar 2012 · 2 comments

Eine kurze Überlegung zur Lage der FDP.

Nun, wenn man sich aktuelle Umfragen so anschaut, scheint sich der alte Schimpf, die Buchstaben F.D.P. stünden für Fast Drei Prozent, einmal wieder zu bewahrheiten.

Die zeitliche Abfolge der Ereignisse immerhin erlaubt es den Totengräbern der Partei, sich nicht allzu scheiße zu fühlen:

Westerwelle wird denken, nun, zu meiner Zeit hatten wir mehr Prozente, der Rösler hat’s komplett versaut. Da kann die elende Funktionärscamarilla mal sehen, was ihnen der neue Kurs gebracht hat.

Rösler wird denken, nun, die Abwärtsspirale, die der Westerwelle eingeleitet hat, ist offenbar nicht zu stoppen, nicht mal durch Superchecker wie mich. Da kann die elende Funktionärscamarilla mal sehen, wie tief uns der Kurs der letzten Jahre in die Sackgasse geführt hat.

Herr Brüderle, wieviel Prozent für die FDP streben Sie bei der nächsten Wahl an?

Der Wulff im Fahrstuhl der BILD [Update]

by Gunnar on 4. Januar 2012 · 11 comments

Ich komme nochmal auf die Causa Wulff zurück. Sorry. Aber die Sache mit dem Anruf kriegt in der Diskussion einen falschen Spin, finde ich.

[click to continue…]

Herrn Wulffs Kleinkredit

by Gunnar on 19. Dezember 2011 · 17 comments

Herr Kaliban sinniert über den Fall Wulff.

Also, ich verstehe die Sache mit dem Bundespräsidenten und seinem Privatkredit nicht. Warum leiht sich ein Mann wie er, 2008 in der zweiten Legislaturperiode als niedersächsischer Ministerpräsident in der Blüte seiner politischen Karriere, privat 500.000 Euro? Scheidung hin, Alimente her, mit 12.700 Euro Monatsgehalt (und der einen oder anderen Zusatzeinnahme) kann man sich ja wohl trotzdem ein Haus kaufen. Und mit den ordentlich erworbenen Pensionsansprüchen aus 14 Jahren Abgeordnetentätigkeit und fünf Jahren Regierungschefigkeit ist man ja wohl auch kreditwürdig, nehme ich an, zumal für einen Hauskauf. Die Sparkasse Großburgwedel hätte sich sicher überschlagen, um Wulff Geld leihen zu dürfen.

Warum also dieses Risko?

Don Alphonso bringt es drüben bei rebellmarkt auf den Punkt:

Einen Kredit über eine halbe Million Euro ohne jede Sicherheit von einer in der Schweiz lebenden Person, der in Form eines anonymen Bundesbankschecks überreicht wird. Das ist nicht weit weg vom Koffer mit Bargeld. Normalerweise würde man da automatisch an Geldwäsche denken.

Das ist doch alles cheesy, einerseits Scheck, um den Geldfluss zu verschleiern, andererseits ein ordentlicher Vertrag.

Leider beschäftigt sich die Journaille hauptsächlich mit Empörung, anstatt mal die Merkwürdigkeiten und Details dieses Falls aufzuarbeiten. Und wenn sie’s doch tut, wie die ansonsten immer lobenswerte ZEIT, bleiben mehr Fragen offen als beantwortet werden.

Zum Beispiel schreiben die Kollegen:

Im Herbst 2008, als Wulff das Geld benötigte, waren die Bedingungen für Bauherren nicht die günstigsten. Der durchschnittliche Kreditzins für Baudarlehen mit bis zu fünfjähriger Laufzeit betrug laut Bundesbank knapp 5,5 Prozent. Und ohne dingliche Sicherung, also etwa einem Grundbucheintrag, hätte er einen derart hohen Kredit wahrscheinlich gar nicht bekommen.

Hm, nee. Zum einen ist die Zahl ein bisschen hoch, 5,0 konnte man mit ein bisschen Umgucken auch 2008 schaffen. Und was die Sicherheit angeht: ja und? Kann ihm doch Wurscht sein, ob’s einen Grundbucheintrag gibt, hat ja quasi jeder Hausbesitzer.

Aber weiter:

Hinzu kommt, dass der damals frisch geschiedene Ministerpräsident mehr Geld haben wollte, als er für seinen Hauskauf benötigte. Das Objekt kostete 415.000 Euro, der Darlehensvertrag der Wulffs wurde jedoch über 500.000 Euro unterzeichnet. Normalerweise ist es andersherum: Hauskäufer bekommen nur einen günstigen Kredit, wenn sie einen Teil des Finanzbedarfs über Eigenkapital bestreiten können. In Wulffs Fall wären Experten zufolge Risikoaufschläge von bis zu eineinhalb Prozent fällig gewesen. Wulff hätte folglich selbst unter günstigen Bedingungen einen Zinssatz von gut 6,5 Prozent zu verkraften gehabt – statt der vier Prozent, die ihm die Geerkens gewährten.

Ach was: Ich habe 2005 auch 100 Prozent der Kaufsumme für meine Wohnung von der Bank geliehen, ganz ohne Risikoaufschlag, zu marktüblichen Zinsen. Keine Ahnung, was da für “Experten” zitiert werden. 6,5 sind unrealistisch — und damit schrumpft der Vorteil von Privatkredit zu Bankkredit auf 5.000 Euro Mehrzinszahlung pro Jahr (wenn man mal 20 Jahre Laufzeit ansetzt). Keine ganz kleine Summe, aber auch nicht genug, um dafür Haus und Hof zu riskieren. Und was die 85.000 angeht, die Wulff über den Hauspreis hinaus brauchte: Die hätte er sich gesondert leihen können, meinetwegen sogar bei Geerkens, wodurch immerhin die Summe beherrschbarer gewesen wäre.

Aber weiter mit der ZEIT, die noch mehr Merkwürdigkeiten in ihrem Artikel hat:

Und geldwert wären auch drei weitere Sonderbedingungen: Erstens verzichtete sein privater Kreditgeber auf den üblichen Tilgungsanteil, Wulff hätte über fünf Jahre nur Zinsen zahlen müssen. Zweitens hatte der Geerkens-Kredit keine Zweckbindung. Gewöhnlich ist der Zins günstiger, wenn das Geld ausschließlich für Wohnbauzwecke verwendet wird. Und drittens durfte er den Kredit nach gusto früher zurückzahlen. Im Normalfall lassen sich Banken auch großzügige Sondertilgungs-Vereinbarungen bezahlen.

Das ist alles Unsinn: Die Bank will ja, dass man möglichst wenig tilgt, weil sie von den Zinsen lebt. Der Berater akzeptiert mit Kusshand eine minimale Tilgungsrate von einem Prozent. Und normalerweise lässt sich die Tilgung über die Laufzeit auch noch mehrmals anpassen, falls sich das Einkommen ändert. Dann die Zweckbindung: Klar ist ein Bankdarlehen zweckgebunden und ein Privatdarlehen nicht, aber Wulff wusste doch schon, dass er die Kohle in eine Immobilie stecken will, die Zweckbindung ist also auch wurscht. Und was die Sondertilgung angeht: Immobilienkredite von Banken können nach zehn Jahren immer auf einen Schlag abgelöst werden, zudem enthalten alle vernünftigen Verträge Sondertilgungsrechte, die mit jährlichen Extrazahlungen geleistet werden können. Auch hier: kein wirklicher Vorteil von Privatkredit zu Bankkredit.

Mich überzeugt das alles nicht. Logischer wäre es, wenn die 500.000 Steine kein Kredit, sondern ein Geschenk oder eine Bestechungssumme wären. Aber warum und wofür?

Und wieso löst Wulff 2010, offenbar panisch nach der Anfrage im Landtag (und seiner Lüge), den Kredit von Geerkens ab, ausgerechnet mit einem Kredit von Geerkens Hausbank? Argh. Und wieso ist der Geerkens plötzlich so freigiebig mit Infos und gibt offen zu, dass die Kohle von ihm stammt? Der ganze Witz an der Einbeziehung von Geerkens’ Ehefrau war doch die Verschleierung oder nicht? Da stimmt doch was nicht.

Oder geheimnisse ich da zu viel rein? Gilt am Ende etwa doch Hanlon’s Razor, das da lautet: Never attribute to malice that which is adequately explained by stupidity. Sind die handelnden Personen vielleicht alle nur doof, plump und nachlässig?

Die Sache mit dem verfassungsrechtlichen Risiko

Oktober 17, 2011

Herr Kaliban regt sich über Politiker auf. Mal wieder. Erinnert sich noch jemand an 1992? Da war der Höhepunkt der Asyldebatte, Worte wie “Überfremdung” waren in aller Munde; und die rechten “Republikaner” hatten ihre große Stunde, sie waren eben mit fast 11 Prozent in den Landtag von Baden-Württemberg eingezogen. Im August gab es ausländerfeindliche Krawalle […]

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Die aktuelle Sau auf der Dorfstraße

September 1, 2010

Eigentlich wollte der Herr Kaliban auch was zur Sarrazin-Debatte sagen. Ach. Aber man soll nicht mit Wut schreiben, da habe ich den halbfertigen Text weggeworfen.

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