Schokolade

Schokolade in der Nacht

by Gunnar on 24. Februar 2009 · 4 comments

Vielleicht hat man die Yogurette, das ist eine Art Kinderschokolade für Frauen, nicht auf dem eigenen Verzehrplan. Vielleicht weil man als gewiefter Beobachter des aktuellen Jahrtausends nicht mehr glaubt, dass sich hinter »die schmeckt so himmlisch joghurtleicht« automatisch ein kalorienreduziertes, im weitesten Sinne gesundes Produkt verbirgt, sondern aus leidvoller Erfahrung weiß, dass gerade solche Nahrungsmittel zumeist besonders viel Wohlfühlfett (*) enthalten. Vielleicht mag man derlei süßes Zeug auch gar nicht, es gibt ja so Leute, denen die Süß-Rezeptoren fehlen und die immer, wenn sie Lust auf so Zwischendurchessen verspüren, zu Rohkost greifen. Freiwillig. Offenbar eine Laune der Natur. Naja, jedenfalls muss man kein Yogurette-Kenner sein, um sich, als Fernsehgucker der Späten Achtziger, an den Werbespruch »Manchmal stehe ich nachts auf und hole mir welche« (*) zu erinnern — ein teuflischer Im-Hirn-Festsetzer, der auch losgelöst von dem Schokoladenmischprodukt, für das er gemacht war, noch ewig in den Köpfen der Menschen umherflottierte und kostenbaren Speicherplatz belegte (*).

Jetzt aber, viele Jahre danach, kommt erst heraus, dass das keineswegs nur ein Textersprüchlein war, nein, die Werber haben offensichtlich auf ein Syndrom hingewiesen, eine Krankheit, die viele Menschen um den Schlaf bringt. Die Rede ist vom NES, ausgeschrieben Night Eating Syndrome (*) — offenbar gibt es alle möglichen Leute, die nachts zum Kühlschrank schlafwandeln, ein Stück Butter, zwei Eier mit oder ohne Schale und drei Deutschländer Würstchen auf bitterer Orangenmarmelade verdrücken, und wieder schlafen gehen. Morgens wundern sie sich, dass sie keinen Hunger haben, dass der Kühlschrank leer ist und dass noch Eierschalenreste in ihren Mundwinkeln kleben. Angeblich sind bis zu 3,3 Millionen Deutsche betroffen. Tragisch.

Aber das ist nur die Spitze des Eisbergs — viele Personen in meinem Umfeld leiden an ähnlichen Symptomen, die aber bislang leider noch nicht als Krankheit anerkannt sind: M. steht nachts auf, um an einem Raid (*) teilzunehmen (Night Gaming Syndrome: NGS), U. erwacht um drei Uhr in der Früh zuweilen mit vorgezogener Morgenlatte (Night Masturbating Syndrome: NMS), A. setzt sich mitten in der Nacht ans Fenster und sinniert über ihre Beziehung zu diesem haltlosen Hallodri nach (Night Worrying Syndrome: NWS).

Und der arme G. schläft abends immer schon um 21:00 auf der Couch ein, wacht aber um zwei mit reduzierter Großhirnfunktion auf und tippt abstruse Texte über Schokolade und NES in sein WordPress-Fenster (Night Blogging Syndrome: NBS).

Ach, all die Schicksale hinter diesen harmlos klingenden Kürzeln. Da müsste die Politik mehr tun.