Schulzeit

Das G8 und die Kindheit

by Gunnar on 15. Dezember 2011 · 10 comments

Aus einem (schon ein halbes Jahr alten) Brief eines Vaters an seine 10jährige Tochter, gefunden auf Zeit Online.

Zitat:

Liebe Marie, erinnerst Du Dich noch an den Tag, an dem wir das letzte Mal im Kino waren? An diesen Tierfilm, den Du so gerne sehen wolltest? Wie hieß der bloß noch? Ich glaube, Tiger, Bären und Vulkane, aber sicher bin ich mir nicht. Denn unser Ausflug liegt schon ein paar Monate zurück. Wir sind alle zusammen mit dem Auto in die Stadt gefahren: Mama, Henri, Du und ich. Es war Sonntag – und wir beide saßen mit Karteikarten auf der Rückbank und haben gelernt. Wie viel ist 172? Wie viel 56? Wie viel 28? Auf dem Weg nach Hause dann noch mal: 27 = 128, 182 = 324, 56 = 15625. Und noch mal. Und zur Sicherheit gleich noch mal.

Wir hätten so viel Sinnvolleres tun können auf unserem Heimweg! Den Bildern der Bären nachhängen und Bonbons lutschen zum Beispiel. In dem Zauber verweilen, den jeder kennt, der aus dem Kinodunkel ins Licht tritt – als laufe man erwachend durch einen Traum. Aber noch nicht mal an einem Sonntag ist es mir gelungen, Dich das Kind sein zu lassen, das Du sein solltest mit zehn Jahren.

Der Vater beklagt in dem langen Text die mangelnde Freizeit der aktuellen Gynasiastengeneration, den ansteigenden Schulstress, den Druck, der schon bei Kindern zu Burnouts führt.

Die Lage ist sicher nicht ganz so klar, wie der Autor sie darstellt, aber ein schönes und ehrliches Dokument eines berechtigten Anliegens der aktuellen Elterngeneration ist der Text auf jeden Fall. Ich habe keine schulpflichtigen Kinder, aber die Zustände, von denen mir Bekannte (die keine Streber-Eltern sind) aus bayrischen Schulen berichten, sind zumindest bedenklich. Eine Mutter erzählte mir, dass Aufgaben so gestellt seien, dass sie ohne Elternhilfe nicht lösbar wären, dass schon in der Grundschule Hausaufgaben mit Powerpoint an der Tagesordnung seien et cetera. Keine Ahnung, ob das ein Münchner Sonderfall ist, aber derlei Klagen hört man häufiger.

Herr Kaliban zitiert aus der Verfassung des Freistaates Bayern.

Vielleicht von Interesse für Menschen, die versuchen, des Wesen und Wirken der Bayern zu verstehen — hier ist der Artikel 131 der bayrischen Verfassung, der sich mit den Zielen der Schulbildung beschäftigt:

(1) Die Schulen sollen nicht nur Wissen und Können vermitteln, sondern auch Herz und Charakter bilden.

(2) Oberste Bildungsziele sind Ehrfurcht vor Gott, Achtung vor religiöser Überzeugung und vor der Würde des Menschen, Selbstbeherrschung, Verantwortungsgefühl und Verantwortungsfreudigkeit, Hilfsbereitschaft, Aufgeschlossenheit für alles Wahre, Gute und Schöne und Verantwortungsbewußtsein für Natur und Umwelt.

(3) Die Schüler sind im Geiste der Demokratie, in der Liebe zur bayerischen Heimat und zum deutschen Volk und im Sinne der Völkerversöhnung zu erziehen.

(4) Die Mädchen und Buben sind außerdem in der Säuglingspflege, Kindererziehung und Hauswirtschaft besonders zu unterweisen.

So. Wow. Die “Ehrfurcht vor Gott” ist ein “Bildungsziel”. Jetzt seht ihr da im Norden mal, womit wir’s hier zun tun haben. Wenn Irland nicht wäre, könnte sich Bayern um den Ehrentitel “Iran Europas” bewerben.

[via]

Frauen kann man nicht googeln

by Gunnar on 12. November 2008 · 10 comments

In der 5. Klasse war ich in Manon verliebt, hoffnungslos natürlich, denn in Manon waren alle verliebt, Manon war die unerreichbare Klassenschönheit, die hauptsächlich mit den großen Jungs aus der 8. abhing. Ich bewunderte sie aus der Ferne, hätte sie aber nie angesprochen. Ich hatte damals nicht meine populärste Phase, das mit dem Selbstbewusstsein kam erst später.

Dann wechselte ich die Schule und die Stadt und das Objekt meiner Schwärmerei — Stefanie, die ich schon von der Grundschule kannte. Das ging ein paar Jahre, mit immerhin ein paar Etappensiegen, Knutschereien beim Flaschendrehen und Engtanzen bei den damals so genannten “Feten”.

Dann musste wechselte Stefanie die Schule und ich verguckte mich in eine andere Stefanie und danach in Sabine und in Nicole, jeweils ohne große Chancen dank mangelnder Aufreißerstrategie, bis dann irgendwann endlich Claudia kam und mich aus dem Jungfrauendasein erlöste. Der Komiker Eddie Izzard beschrieb das mal so: “After a while Virginity becomes like two huge suitcases that you drag around with you whereever you go.

Aber das geht euch alles nichts an.

Ich wollte neulich einfach nur mal rausfinden, welche Berufe all diese Damen eigentlich später im Leben ergriffen haben und wie sie jetzt aussehen. Vor allem Letzteres. Aber wir sind offenbar die letzte Generation vor StudiVZ und Facebook und Lokalisten und den persönlichen Blogs. Und, das kommt erschwerend hinzu, Frauen sind schlecht zu googeln. Wegen dieser Unart, irgendwann im Leben den Namen zu wechseln, findet man manche Leute nicht, selbst wenn sie irgendeine Art von Netzidentität haben.

Irritierend, wie sehr man sich an die Allgegenwärtigkeit von Informationen gewöhnt hat. Ich bin immer direkt beleidigt, wenn ich nicht gleich rausfinde, was ich suche.