Skins

Schweine und Betonpfeiler

by Gunnar on 11. Oktober 2008 · 12 comments

Damals, auf dem Dorf, gab es Lacoste-Popper und Aktenkoffer-Spießer und Dorfpunks und Metalheads und Kifferhippies. Lauter abgeklatschte Jugendkultürchen. Mit Rivalitäten und gegenseitiger Verachtung und Reibereien und all den Kinkerlitzchen, die man zur Abgrenzung braucht. Und dann gab es noch den bösen Feind — die Orks der Jugendszene, die Nazi-Skins. Von denen hatten wir reichlich, mit ein paar regionalen Hochburgen, auch wenn sie nicht das Straßenbild dominierten. Wir, von den eher linken Fraktionen, dachten an sie mit Hass, mit Furcht, mit einem gewissen Grusel. Wir erzählten uns Horror-Storys über Folterpraktiken (Bordstein-Dashing!) und über angeblich in der Planung befindliche Großangriffe gegen linke Jugendzentren, aber passiert ist eigentlich nie so richtig viel.

Und dann geschieht, was wir als Akt höherer Gerechtigkeit wahrnehmen: Der regionale Skinhead-Anführer kollidiert bei einer nächtlichen Autofahrt durch die bewaldete Gegend mit einem Wildschwein und stirbt an den Folgen des Unfalls. Am nächsten Tag hat jemand mit Kreide auf den Schulhof des örtlichen Gymnasiums die folgenden Worte geschrieben:

Wildschweine – Skinheads 1:0

Taktlos, sicher, aber doch irgendwie ein unverfälschter Ausdruck dessen, was wir alle fühlten.

Wie komme ich überhaupt nach all den Jahren darauf? Wegen Haider, natürlich. Ich will nicht sagen, dass ich Schadenfreude empfunden hätte, aber großes Bedauern konnte ich in meinem Herzen auch nicht entdecken. Und die zur Schau gestellte Betroffenheit der österreichischen Politiker kommt mir ein klein wenig übertrieben vor — Kanzler Gusenbauer nennt den Mann, der immerhin mal sein Amt verloren hat, weil er die Beschäftigungspolitik des Dritten Reichs lobte und immer für rassistische und antisemitische Aussagen gut war, in einer offiziellen Stellungnahme einen “großartigen Politiker” — das klingt wie ein nachträglicher Ritterschlag. Sollte man nicht die Vernunft haben, zu sagen, dass man die menschliche Tragödie bedauert und der Familie nur das Beste wünscht, aber sich jeglicher Verweise auf wie auch immer geartete politische Verdienste enthalten?

Aber vermutlich gehört das dazu, wenn man gerne die rechten Wähler zurückhaben will.

Wie Martin nicht verprügelt wurde

by Gunnar on 2. November 2006 · 10 comments

Habe gerade eine nostalgische Phase, irgendwie. Dabei fallen mir haufenweise Geschichtchen ein. Wie die von gestern. Und die, in der Martin vorkommt, der aber überraschenderweise nicht verprügelt wird.

Also: Martin war mein Mitbewohner, damals in Göttingen. Wir hausten in einem verwahrlosten Mietblock am Anfang der Groner Landstraße, dem so genannten »Briese-Bunker«, von dem Besitzer und Immobilien-Tycoon Bruno Briese in einem Interview selber mal gesagt hat, dass das Ding abgerissen gehöre. Steht bestimmt heute noch und spielt vermutlich bei minimalen Investments ordentliche Mieten ein. Die direkt und risikolos das Sozialamt bezahlt.

Aber ich schweife ab. Ich war damals natürlich nicht der arrivierte Yuppie von heute, sondern arm, langhaarig und links. Revolution und Hoch-die-inter-nationale-Soli-dari-tät. Lange nicht so langhaarig und links wie Martin allerdings. Martin war gefühlte zwei Meter groß, eine durchaus imposante Erscheinung mit fiesen Dreadlocks, Bundeswehrstiefeln und Lederjacke. Setzte bei Problemlösungen zwar voll auf Gespräche statt Gewalt, das sah man ihm aber nicht auf den ersten Blick an. Konnte jedenfalls klar als Linker zu identifiziert werden, auch wenn man nichts von seinen Verbindungen in die Hausbesetzerszene und derlei kulturelle Randgruppen wusste.

Was für Leute wie uns, besonders aber natürlich für Martin, nicht unproblematisch war: Der Briese-Bunker beherbergte auch ein, zwei Skinheads. Wobei ein, zwei von denen nicht so schlimm wären, allerdings treten sie ja selten in Paaren sondern meist in Rudeln auf. Wir waren also immer ein bisschen auf der Hut, weil so eine Prügelei mit Skins ist ja nicht der ganz große Spaß. Eines Tages jedenfalls kam Martin am Nachmittag aus der Uni, oder zumindest aus der Mensa, und nestelte unten im Hausflur am Briefkasten ‘rum. Da stürmte ein Regiment Jungnazis in voller Montur die Treppe runter, alle mit Baseballschlägern in der Hand. Martin schloss auf der Stelle mit seinem Leben ab. Der erste Skin stürmte auf ihn los, dann halb seitlich vorbei, rempelte ihn leicht an. Rief »Entschuldigung« und war auch schon zur Tür raus. Der nächste ebenso: »Tschuldigung« und raus. Und der nächste und der nächste. Die ganze Meute rannte hocherregt und bewaffnet an ihm vorbei auf die Straße, um dort aus uns unbekannten Gründen irgendwelche Bürger anzupöbeln. Bis die Bullen auftauchten und die ganze Baggage zerstreuten. Oder so ähnlich. Absurd jedenfalls.

Waren halt nette Skins, jedenfalls zu Leuten im gleichen Haus.