Spielekiller

Qualitätsjournalismus im TV

by Gunnar on 2. Mai 2012 · 27 comments

Der Senderauftrag des öffentlich-rechtlichen Senders Phoenix lautet so:

PHOENIX dient der politischen Meinungs- und Willensbildung der Bürgerinnen und Bürger, es sollen Hintergründe erhellt und Zusammenhänge dargestellt werden. Damit soll der Spartenkanal den demokratischen Parlamentarismus und die europäische Integration fördern.

Und der wird, unter anderem, erfüllt mit hochwertigen Nachrichtensendungen. Seht selbst, liebe Besucher:

Der Breivik, der hat ja auch sehr viele Computerspiele gespielt, World of Warcraft beispielsweise, ein kriegstreibendes Spiel. Da schlüpfen also Spieler in mittelalterliche Heldenrollen und retten die Welt, retten Europa auch vor einem Teil der Islamisierung in gewisser Weise. Das sind sehr kritisch zu sehende Spiele.

…”fragt” der “Moderator”, der in typischer Manier versucht, ein paar Dinge mal unverrückbar hinzustellen, indem er WoW die Eigenschaften “kriegstreibend” und “kritikwürdig” schon mal fest zuschreibt. Das bleibt dann nämlich stehen, auch wenn der Psychiater in der Sendung seriös den Verdacht zurückweist, Spiele machten Menschen zu Gewalttätern.

Schön, wie da “Hintergründe erhellt und Zusammenhänge dargestellt” werden. Der Moderator Michael Sehr*, immerhin Journalist mit fast 20 Jahren Berufserfahrung und Inhaber eines Magister Artium in Allgemeiner Rhetorik (sic!) spielt da auch voll seine Stärken aus und informiert den Zuschauer nach bestem Wissen und Gewissen.

Die Rundfunkgebühren sind gut angelegtes Geld, denke ich.

UPDATE: Es gibt eine eher schräge Entschuldigung von Sehr und eine kurze Analyse dazu bei Stigma Videospiele. ###

Killerspielspielchen

by Gunnar on 25. September 2009 · 14 comments

Vielleicht habe ich nicht alles genau beobachtet, aber mir kam es so vor, als ob die Medien, so voyeuristisch ihre “Berichterstattung” bei der gräßlichen Bluttat von Ansbach auch war, sich immerhin im Vergleich zu den vorangegangenen Amokläufen einigermaßen zurückgehalten haben. Auch Vergleiche zu “Killerspielen” wurden kaum gezogen.

Die relative Zurückhaltung der Medien bei der Schuldzuweisung “Killerspiele mache Amokläufer” liegt natürlich auch daran, dass es diesmal aber auch so gar keine Hinweise darauf gab, dass der Täter Videospieler gewesen sein könnte. Andererseits — das Fehlen von Hinweisen hat die Kollegen in den Nachrichtenredaktionen der Boulevardpresse noch nie von vielsagenden Spekulationen abgehalten.

Obwohl, bis zum Boulevard muss man gar nicht gehen, schau’n wir doch mal in die SZ von heute:

Die Kripo rätselt über eine bundesweite Anschlagserie an Autobahnen. In einem Jahr wurden 160 Lastwagen von Schüssen getroffen. Spielen die Täter ein in die Realität übertragenes Ballerspiel? […] Für ein anderes Motiv gibt es keine Hinweise. Die Fabrikate der beschossenen Autos sind so unterschiedlich wie ihre Bestimmungsorte. (Quelle)

Äh ja. Sicher. Wenn’s kein Motiv gibt, muss es wohl so ein irrer “Killerspieler” sein.

Naja, immer noch besser als Ex-Ministerpräsident Beckstein, der vor ein paar Tagen mal wieder ohne Not und Sachverstand folgendes behauptet hat:

Das Spiel Counter-Strike wurde von der US-Army entwickelt, um die Gewaltschwelle bei den Soldaten herabzusetzen. Derartige Spiele gehören nicht nur zensiert, sondern verboten! (Quelle)

Irgendwann kriege ich mal raus, wer dem armen ahnungslosen Politrentner diesen Bären aufgebunden hat. Ich vermute schon lange, dass irgendwo, vielleicht in Bonn, eine gehässige Consultingagentur voller frustrierter älterer Herren sitzt, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, möglichst vielen Politikern möglichst viele bekloppte Standpunkte einzublasen. Um zu demonstrieren, dass die Berliner Republik nicht funktioniert, vielleicht. Oder um sich am Establishment zu rächen. Oder sonstwas. Ach.

Innenminister und Killerspiele

by Gunnar on 5. Juni 2009 · 29 comments

Oh. Die Herren Innenminister der Länder, vertreten durch unseren alten Freund, den Keiler-Killer Uwe Schünemann aus Niedersachsen, haben sich mal wieder auf die ach so fürchterlichen »Killerspiele« eingeschossen.

Selig frei von Sachverstand und höheren Hirnfunktionen verwechseln die Herren mal wieder Symptom und Ursache, ignorieren (das scheint eine Art Innenministerprivileg zu sein) den Rechtsrahmen und blöken eine Verbotsforderung heraus, von der sie sicher annehmen, dass sie im Wahlvolk auf Zustimmung oder wenigstens Desinteresse stößt. Im Verfahren wird sich wieder herausstellen, dass das alles so einfach nicht ist, dann wird man irgendeinen Quatsch beschließen, ein USK-Logo, das nicht mehr durch die Media-Markt-Tür passt oder sowas, und sich auf die Schulter klopfen, weil man’s wenigstens versucht hat. Wie schon 2006 und 2007. Wie schon beim Paintball-Verbot. Politik by Bildzeitung.

Haben die eigentlich nichts Besseres zu tun? Ich bin es so leid, mich aufzuregen. Die Politiker, namentlich die Vertreter der zweieinhalb Parteien der großen Koalition, lassen derzeit echt keine Gelegenheit aus, um ihre absolute Nicht-Eignung für verantwortungsvolle Positionen in der Verwaltung unseres Gemeinwesens unter Beweis zu stellen.

Aber ich bin des Themas zu müde, um mich damit jetzt ausführlich zu beschäftigen. In der Sache ist eigentlich alles gesagt.

Update: Der deutsche Kulturrat verurteilt das Statement der Innenminister als “wahltaktischen Schnellschuss” (Quelle).

Überschrift (“Die Generation C-64 schlägt zurück”) und Bebilderung sind ein bisschen albern, aber ansonsten hat der sehr geschätzte Kollege Chris Stöcker von SpOn in seinem Artikel die Sache echt ganz gut getroffen, ich zitiere:

Fiktives Spiegel-Cover, Montage von Wortfeld.de

Fiktives Spiegel-Cover, Montage von Wortfeld.de


[…] sah zunächst alles nach einem echten Coup aus: Ursula von der Leyen (CDU), Familienministerin, hatte ein Gesetz gefordert und dann, gegen das Zögern und Widerstreben ihrer Kabinettskollegen aus den eigentlich zuständigen Ressorts Wirtschaft, Inneres und Justiz, auch durchgesetzt. Kinderpornografische Inhalte sollen die Provider aus dem WWW filtern, die entsprechenden Sperrlisten soll das Bundeskriminalamt (BKA) führen. Wer trotzdem eine einschlägige Seite ansurft, bekommt ein Warnschild zu sehen.

Ein wahltaktisch todsicheres Gesetz, zielt es doch auf einen ungemein konsensfähigen Feind: die Hersteller und Verbreiter von Kinderpornografie, unmenschliche Profiteure und Verursacher unermesslichen Leids.

Folgerichtig tat die Opposition erst gar nichts und gab dann kaum mehr als ein leises Wimmern von sich – um sich dann in das Schicksal zu ergeben, dass die Familienministerin als Bezwingerin der Kinderschänder würde Wahlkampf machen können.

Dann passierte das Unerhörte: Eine rasant wachsende Zahl von Menschen sprach sich offen und nicht anonym gegen die Filterpläne der Ministerin aus – bis heute über 100.000. Obwohl es doch gegen Kinderpornografie ging! In Berlin war man konsterniert. Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) war so überrascht, dass ihm sogar der Fauxpas unterlief, die zu diesem Zeitpunkt bereits zehntausenden Unterzeichner der Petition gegen das Gesetzesvorhaben, immerhin ja Wähler, vor laufender Kamera in die Nähe von Kinderschändern zu rücken.

Wie konnten die es wagen, einen Vorschlag für unsinnig zu erklären, den ernstlich zu kritisieren zunächst kein Politiker bereit war? Nichts fürchtet man in Berlin mehr, als selbst für einen Kinderschänder-Apologeten gehalten zu werden. […]

Nicht nur bei diesem Thema wundert man sich zuweilen, wie instinktlos erfahrene Politiker reagieren. Die denken halt nur in Gruppen: Killerspieler, Kinderschänder, Schützenfreunde, Sportler, Milchbauern et cetera — wenn man nach dieser Logik einer lobbyschwachen Gruppe auf die Füße tritt, hat man nichts zu befürchten. Dass es in der Gesellschaft eine Strömung geben könnte, die einerseits noch Reste von freiheitlichen Idealen hochzuhalten bereit ist und andererseits auch vermeintliche Tabu-Themen ganz hemdsärmelig und pragmatisch angeht, das übersteigt offenbar das Vorstellungsvermögen vieler Karrierepolitiker.

Und jetzt die Grünen?

by Gunnar on 14. Mai 2009 · 41 comments

Wir haben große Bedenken gegen diese Art von Freizeitbeschäftigung. Spiele wie Counter Strike verherrlichen Gewalt und verletzen die Würde der Menschen. Sie können bei exzessivem Gebrauch abstumpfen und bergen dann ein enormes Gefahrenpotential. (Bettina Lisbach, Fraktionsvorsitzende der Grünen im Stadtrat Karlsruhe; Quelle)

Ah, nachdem die CDU, die CDU-mit-S-in-der-Mitte und die SPD mit schwachsinnigen Forderungen und Statements zum Thema »Killerspiele« auffällig geworden sind, dürfen auch die Bündnisgrünen offenbar nicht fehlen. Obwohl die sonst in dieser Sache immer eine Stimme der Vernunft waren. Ich hoffe mal, dass das nur eine regionale Verirrung war.

Hoffentlich. Oder soll ich etwa FDP wählen? Argh.

Was sagt eigentlich die Linke? Gibt es eigentlich irgendwo eine Auflistung mit den offiziellen Positionen der Parteien zu diesem Thema?

Update: Kaliban-Leser Hannes hat per Twitter den Grünen-Vorstand Malte Spitz zu dem Thema gefragt, dessen Antwort: “sorry, ja wir sind GEGEN ein Verbot von Killerspielen, die jetzige Regulierung reicht, sehen Computerspiele als Kulturgut an”. Aha. Na also.

Es gibt ein neues Video von Matthias Dittmayer, dem Betreiber von Stigma Videospiele. Aus aktuellem Anlass.

heute journal zdfIch wusste ja, dass mich der “Killerspiele”-Beitrag des Heute-Journals im ZDF aufregen würde, ich wusste, ich hätte es mir nicht anschauen sollen. Ich hatte gestern um 21:45 extra den Fernseher ausgelassen. Aber ich dachte dann eben, ach, kannst ja mal in der ZDF-Mediathek reingucken. Kann ja nicht schaden.

Kann es doch: Die erste Halsaderschwellung bekomme ich bereits bei der Ansage des Moderators, der sinngemäß darlegt, jetzt seien in Berlin ja die Gamestage, alles seriös und so, erfolgreiche Branche jaja, Grußwort von Klaus Wowereit oho, aber man dürfe nicht vergessen, dass die Spieleindustrie einen Teil ihres Geldes mit “üblen Produkten” verdient. Genüßlich den Schlag vorbereitet. So funktioniert Propaganda, nicht etwa Nachrichtenjournalismus.

[click to continue…]

Wenn’s nicht so traurig wäre, wäre es rührend — im “Kölner Aufruf” wendet sich die hilflose deutsche Mainstreampädagogik mit Macht gegen das Phänomen der “Killerspiele”, dem sie großäugig und haareraufend gegenübersteht und es einfach nicht begreifen kann. Wie es so ist mit unverständlichen Dingen, die der Zeitgeist einem noch kurz vor der Pensionierung in den Weg legt: Man wünscht sie sich weg und hofft, dass damit auch noch allerlei anderes verschwindet, die Jugendgewalt etwa, das Desinteresse der Kids an christlichem Liedgut, die Klingeltöne und die Tatsache, dass die eigene Enkelin den DVD-Rekorder bedienen kann, während man selber schon für den Projektor im Unterrichtsraum den Hausmeister rufen muss.

Den Text muss man sich in Ruhe zu Gemüte führen, es lohnt sich, zu analysieren, was da für eine Geisteshaltung am Werke ist. Ich zitiere ein paar Auszüge, erstmal zum Thema Krieg:


[…] Killerspiele entstammen den professionellen Trainingsprogrammen der US-Armee. […] Der „Spielraum“ unserer Kinder und Jugendlichen entspricht der Wirklichkeit des Kampfes von Soldaten in den völkerrechtswidrigen Kriegen z.B. im Irak und in Afghanistan. […] Games-Konzerne dienen […] als Teil des militärisch-industriell-medialen Komplexes dazu, mit „Spielen“ die künftigen Soldaten heranzuziehen. Das Alltagsleben wird vom Krieg durchdrungen, um Akzeptanz für die derzeitigen und künftigen Kriege zu schaffen. Diese Spiele sind somit massive Angriffe auf Menschenrechte, Völkerrecht und Grundgesetz. […]

Der Zusammenhang, der da hergestellt wird, ist perfide, denn er hat eine, wenn auch minimale, Unterfütterung im Realen — die US-Armee betreibt mit dem Spiel America’s Army Rekrutierung, das Spiel Full Spectrum Warrior wurde in einer spezielle Fassung zum Taktiktraining eingesetzt. Daraus aber weltverschwörerisch einen “Komplex” zu konstruieren, der die Kinder der Welt auf ihre Soldatenrolle vorbereiten soll, liegt von Sprache und Denkweise her irgendwo zwischen DKP und RAF. Aber es hat durchaus seinen Charme, am Ende einer Kette aus haltlosen Behauptungen die hehren Menschenrechte im Munde zu führen — damit hat man ja automatisch recht.

Aber erst in den nächsten Sätzen wird deutlich, wo der Feind wirklich steht — im eigenen Lager. Klar sind die Spiele direkt vom Teufel inspirirert, aber wenn die FALSCHEN PÄDAGOGEN nicht wären, würde man der Plage schon Herr werden:


[…]Mit Nebelbegriffen wie „Medienkompetenz“ und „Rahmungskompetenz“ wird pseudo-wissenschaftlich suggeriert, dass Kinder und Jugendliche mit Killerspielen sinnvoll „umgehen“ könnten, ohne seelischen und körperlichen Schaden zu nehmen. Die Spiele sind aber gerade so angelegt, dass dies nicht möglich ist.[…]

Hier wird pauschal jeder unter Generalverdacht gestellt, der sich dem Thema mit weniger Ideologie nähert. Und die “körperlichen Schäden” werden den Spielen gleich mit unterstellt. Aber weiter:

[…]Verantwortlich sind also nicht Eltern, Lehrerinnen und Lehrer, denen die Bewältigung der Folgen immer zugeschoben wird. Verantwortlich sind Hersteller und Kriegsindustrie; die inflationäre Verbreitung der Spiele ist politisch gewollt und wird von „Wissenschaft“ und Medien bereitwillig vorangetrieben.[…]

Aha. Eine komplette und durchgängige Absage an Individualverantwortung, schuld ist das System. Und im Zweifel die gesichtslose Kriegsindustrie, die alles und jeden instrumentiert, um unsere Kinder zu unbarmherzigen Killern zu machen. Da kann Familie X ihre Kinder noch so demütigen oder verwahrlosen lassen, da kann die Schule noch so viele frustrierte Außenseiter produzieren, schuld sind nie die Beteiligten und schon gar nicht die überforderten Pädagogen. Das ist natürlich eine Haltung, mit der man abends gut einschlafen kann.

Der Aufruf endet mit ein paar grammatikalisch fragwürdigen Aufrüttelzeilen wie Wir lassen nicht zu, dass neue Feindbilder geschaffen und Fremdenfeindlichkeit verbreitet wird, womit den Spielen nebenbei auch noch Ausländerhass unterstellt wird. Und der Forderung nach dem Verbot von Herstellung und Verbreitung von “Killerspielen”, nicht nur für Kinder, auch für Erwachsene.

Wow.

Die Unterzeichner sind ein paar Professoren, Religionslehrer, einer der Bürgermeister von Erlangen, Leiterinnen von Frauenhäusern und Kindertagesstätten, katholische Theologen, ein Vertreter von attac, ein Feuerwehrmann, Prof. Dr. Christian Pfeiffer und seine Schwester Regine Pfeiffer, Manfred Spitzer, ein paar Altlinke (wie die Initiatorin und Ökofeministin Maria Mies), eine Reihe pensionierter Weltverbesserer (wie die Kinderbuchautorin Gudrun Pausewang oder der Ex-Manager Willy Wahl) und ein paar Privatpersonen.

Insgesamt tendenziell ältere Leute, die dem ganzen Thema “neue Medien” nicht sehr nahestehen. Kaum jemand dabei, der sein Geld in der freien Wirtschaft verdient. Relativ viele Menschen von den Rändern des Bildungsapparats, allerdings niemand aus der Jugendarbeit. Irritierend ist ein bisschen, dass sich das ganze Ding liest, als sei es von einer Gruppe übriggebliebener K-Grüppler aus den Siebzigern verfasst, Pfeiffer (der politisch eher im Mainstream liegt) aber trotzdem unterzeichnet hat. Dass die ganze Argumentation Humbug und von seiner Forschung so weit weg ist wie Ziegenzucht von der Erschlüsselung des Humangenoms, dürfte ihm sicher klar sein.

Aber was so richtige Kreuzzügler sind, die nehmen eben jeden mit, der eine Waffe tragen kann.

Viel Feind, viel Ehr’

by Gunnar on 6. Dezember 2007 · 39 comments

Kennt jemand von den geschätzten Mitlesenden Professor Dr. Christian Pfeiffer? Der Herr ist der Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts in Hannover und einer der größten Feinde von modernen Computerspielen — mehrfach aufgefallen in den üblichen Debatten und durch Zitate wie dieses. Und durch Frontalattacken gegen die USK, die Selbstkontrollinstanz, die die Alterseinstufungen für Videospiele vergibt. Der unterstellte er Industrie-Hörigkeit, weil die Einstufungen zu lasch seien und die Industrie ja die Prüfungen bezahle. Dass in den entsprechenden Prüfgremien der USK immer Vertreter der Politik, also der Obersten Landesjugendschutzbehörden sitzen, das ließ Pfeiffer in Interviews immer gerne unter den Tisch fallen. Passt ja auch nicht so in das hübsche Gedankengebäude von der ferngelenkten USK. Kenner der Jugendschutzszene sagen hinter vorgehaltener Hand, dass Pfeiffers Antrieb der Wunsch sei, die USK zu beerben und mit seinem Institut den fetten Auftrag zur Prüfung der Spiele zu bekommen.

Aber egal.

Warum rede ich überhaupt von diesem Menschen? Weil ich gestern auf dem Symposium für Medienethik in Stuttgart gesprochen habe und NATÜRLICH wieder mit Herrn Pfeiffer und seiner ebenfalls anwesenden Schwester aneinander geraten bin. Die Schwester, Regine Pfeiffer, ist eine freundliche ältere Dame, pensionierte Lehrerin und laut Eigenaussage “Fachfrau für Computerspiele”, Letzteres ohne selber zu spielen. Natürlich. Muss man ja nicht. Demnächst kann man sicher auch Literaturexperte sein, ohne Bücher zu lesen…

Die Dame hatte, aus mir unerklärlichen Gründen, einen der drei grundlegenden Vorträge zu halten, die die großen Spielegenres erklären sollten — den zum Thema Ego-Shooter. Parallel dazu sprach Benedikt Grindel von Blue Byte über Strategiespiele und ich über Online-Rollenspiele und virtuelle Welten im allgemeinen. Benedikt und ich versuchten, die Grundlagen zu beschreiben, leiteten die Genres historisch her und spielten auch mal live was vor. Frau Pfeiffer tat nichts von alledem, sondern nutzte ihre Sprechzeit, um sich beispielsweise über die Sprache in Lösungsbüchern auszulassen – “den Level aufräumen”, solche Ausdrücke seien ja nur Euphemismen für Massenmord. Zudem zeigte sie extra-blutige Videoausschnitte, eine klassische Methode ihres Bruders: Würde man live vorspielen, wäre deutlich, dass Spiele eine Dramaturgie haben und Mechanismen und nicht nur eine Aneinanderreihung von Splatterszenen sind – im Video aber schneidet man einfach schön ein “Worst of” zusammen. Zudem verwendete die Dame Bioshock, ausgerechnet Bioshock, als Negativ-Beispiel. Dazu blendete sie einen Screenshot von einer Little Sister ein, die sich duckt, während die Schrotflinte des Spielers ins Bild ragt — die gewollte Assoziation war natürlich “hier wird mit Schrotflinten auf wehrlose Mädchen geballert”. Was im Spiel bekanntlich nicht möglich ist. Derlei Details sind der “Fachfrau” aber natürlich egal, es geht ja bei Kreuzzügen um Wirkung, nicht um Fakten. Diese Details habe ich mir, das sei der guten Ordnung halber erwähnt, von Zuhörern berichten lassen – ich war selber nicht im Raum, mein Vortrag lag parallel zum dem von Frau Pfeiffer.

Am Ende des Tages gab es eine Diskussion über die zuvor gehaltenen Vorträge, und Frau Pfeifer ließ es sich nicht nehmen, mich direkt anzugreifen, weil ich in meinem Vortrag die These aufgestellt hatte, dass Online-Sucht oder Online-Spiel-Sucht zumeist eine Folge anderer psychischer Störungen sei, also ein Symptom, keine eigene Diagnose. Frau Pfeiffer argumentierte nicht direkt dagegen, sondern verwies auf eine große Zahl von Einzelbeispielen, die sie durch die Lektüre von einschlägigen Webseiten* kennen würde und dass das ja wohl nicht alles “kranke Typen“ sein könnten. Ich verwies auf die Tatsache, dass wir uns auf einer Uni-Veranstaltung befänden und ein Mindestmaß an Wissenschaftlichkeit ja wohl eingehalten werden müsse – weder sei der Suchtbegriff medizinisch korrekt verwendet noch wäre ein Terminus wie “kranke Typen” dem Thema angemessen. Zudem zitierte ich eine Studie von Bert te Wildt (Medizinische Hochschule Hannover), die meine Ansicht unterstützt. Darauf sprang Herr Pfeiffer erregt auf, einerseits, um eine Studie von ihm zu erwähnen und andererseits, um kundzutun, dass ich te Wildt bestimmt falsch zitiert hätte. Darauf meldete sich Professor Kaminski aus Köln zu Wort, der wiederum mir rechtgab. Naja. Alles wie erwartet.

Das Groteske war allerdings (und das zeigt, wes Geistes Kinder die Pfeiffers sind), dass hinterher, als ich im Kreis von ein paar Professoren stand und mit ihnen über Herrn Pfeiffer lästerte, Frau Pfeiffer zu mir kam, um mir zu sagen, dass sie mich in ihrem Vortrag zitiert habe. Sie dachte offenkundig, dass ich erwartungsfroh und eitel nachfragen würde, wie ich zu der gewaltigen Ehre käme. Aber ich wusste natürlich Bescheid — die Pfeiffers zitieren mich ja immer. Ich habe nämlich Spiegel.de mal gesagt, dass es “in Deutschland kein Spiel gibt, bei dem man für den Grad der Gewalt belohnt wird”. Das war nicht ganz korrekt, in EINEM Spiel, Der Pate (Electronic Arts), gibt es das doch. In keinem anderen, soweit ich weiß, aber immerhin in einem. Das reiben mir die Pfeiffers seitdem immer unter die Nase (“zwischen 0 und 1 ist nun einmal ein Unterschied, Herr Lott” — O-Ton Regine Pfeiffer). Finde ich mutig, wenn man bedenkt, wie es aussähe, würde man alle Aussagen von Herrn Prof. Dr. Pfeiffer derart auf die Goldwaage legen — immerhin hatte der renommierte Kriminalpsychologe seinerzeit bei dem Kindestod in Sebnitz, um nur das bekannteste Beispiel zu nennen, keine allzu rühmliche Rolle gespielt. Wir erinnern uns: Damals behauptete eine Frau öffentlich, Nazis hätten ihren kleinen Sohn Joseph vor aller Leute Augen im Schwimmbad ertränkt, was sich hinterher als Falschaussage herausstellte — Herr Prof. Dr. Pfeiffer hatte der Dame aber in einer Fallanalyse noch ausdrücklich Glaubwürdigkeit bestätigt. Vermutlich sollte ich das in Zukunft auch immer in all meinen Vorträgen und Artikeln zitieren. Blödsinn. Egal, auf die Provokation der Frau Pfeiffer jedenfalls bin ich dann nicht mehr groß eingegangen, habe ihr nur kurz und heftig gesagt, dass ich auf diesem Niveau nicht diskutiere, und dass ihre Thesen wissenschaftlich unhaltbar seien und mich umgedreht. Frau Pfeiffer hatte sich unser kleines Gespräch offenbar anders vorgestellt, innerlich wohl schon auf mein zerknirschtes Gesicht spekuliert, wenn sie das Spiegel-Zitat nochmal aufs Tapet bringt. Sie schaute mich sichtlich geschockt an und stieß nur ein “Sie, Sie, Sie sind ja ein richtiger Ego-Shooter” hervor. Was nun wieder von beinahe rührender Hilflosigkeit ist. So ist nun einmal ihre Begriffswelt, Ego-Shooter sind eben das Schlimmste, was sie sich vorstellen kann. Ach.

* Frau Pfeiffer nannte dabei als maßgebliches Beispiel wowdetox (mit Absicht nicht verlinkt), eine Seite, die kurze Beispielberichte von WoW-Süchtigen sammelt, sie allerdings ohne Prüfung veröffentlicht. Die Seite gehört einer obskuren Firma namens Calculated Wealth Consulting, die ansonsten eher Domains wie freestocktradesecrets.com betreibt. Die Betreiber versuchen übrigens, mit Links zu Goldverkäufern ein paar Dollar nebenbei zu verdienen. Dazu gibt’s die schlüssige Begründung, durch den Goldkauf erspare man sich viel Grinden und hätte es leichter, aufzuhören. Aha. Außerdem führt ein prominent gesetzter Link, der Hilfe bei Spiele-Sucht verspricht, auf ein Hypnosetherapieangebot, wo man sich kostenpflichtig PDFs mit Tipps herunterladen kann. Ist natürlich ein Affiliate-Link, ein bisschen Geld braucht ja auch eine Seite wie wowdetox, obwohl sie angeblich von einer Gruppe Freiwilliger betrieben wird. Super Beispiel, Frau P.