Stress

wut

Auf Amerikanisch würde man vielleicht sagen, ich hätte zuweilen anger issues. Aber ich habe mir fest vorgenommen, mir eine Zen-artige Gelassenheit anzuwöhnen, in Vorbereitung auf die bevorstehende Kindesaufzucht. Und heute war eine treffliche Gelegenheit, die guten Vorsätze mal auszuprobieren.

Aber von vorne: Ich musste zu einem Geschäft in der Innenstadt, was generell ein Schmerz im Arsch ist, weil die Verkehrsführung dort einem Strudel gleicht: Wehrlos zieht einen die blecherne Strömung im Kreis. Verpasst man die Ausfahrt, muss man eine umständliche Runde drehen, um wieder dorthin zu kommen, wo man eben schon war. Gottseidank kenne ich diese Abkürzung, die nur den kleinen Nachteil hat, dass ich dafür über eine durchgezogene Linie fahren muss, aber egal, Lücke abgepasst und drüber. Und ARRGH! genau vor mir erhebt sich, grausam lächelnd, eine Polizistin wie ein Nazgûl aus dem Asphalt. Dreck. Erwischt. Wieder tobt diese ziellose, ungerichtete Wut durch meine Adern. Ich will jemanden töten, aber es ist, außer mir, niemand in der Nähe, dem ich die Schuld geben könnte — nur, vielleicht, dem System. Oder Gott. Oder der StVO. Meine Hände krampfen sich um das Lenkrad, mein Hirn sucht nach bösartigen Bemerkungen knapp innerhalb der Legalitätsgrenze, um der Raubritterin wenigstens den Tag zu vermiesen, aber… …die Frau Oberwachtmeister ist so entwaffnend nett, dass ich nicht sofort losgiften kann. Und dann setzt die Kontrolle ein: Gunnar, ganz ruhig, finde deine Mitte, finde das geheime Feuer, gaaaanz ruhig. Und ich überstehe die Angelegenheit irgendwie ohne Wutanfall. Obwohl mir die Dame 30 Euro abknöpft.

Soweit, so gut. Dann zu dem Geschäft: Ich will Dings abholen. Ach Dings, Sekunde. Klar. Huh, wir finden es nicht. Ist aber schon ewig bestellt. Wie ewig? Sehr ewig. Ach so, Sie haben nicht angerufen und Bescheid gesagt, dass Sie Dings abholen wollen, oder? Die dicke Verkäuferin lächelt mich an wie man ein lernbehindertes Kind anlächelt. Wie anrufen? Na, anrufen, damit wir’s aus dem Lager holen lassen können. Das hat mir keiner gesagt. Doch, das sagen wir immer dazu. Mir nicht. Doch. Nein. Doch. Die dicke Verkäuferin lächelt mich an wie man ein lernbehindertes Kind anlächelt. Ich sehe vor meinem geistigen Auge, wie ich die Person und ihre Kolleginnen mit einer Registrierkasse erschlage, das Gebäude niederbrenne und die Erde mit Salz bestreue. Aber dann ich mache nur einen anderen Abholtermin aus und verabschiede mich nett. Unglaublich. Zu welcher Beherrschung ich fähig bin.

Nächste Woche eröffne ich ein Zen-Kloster. Oder wickele meine schreiende Tochter.