Text

Freies Schreiben

by Gunnar on 20. Oktober 2011 · 10 comments

Herr Kaliban gerät ins Mäandern.

Meine Frau und ich gehen schon länger gemeinsam zu Poetry Slams und Lesebühnen und irgendwann ist ihr aufgefallen, dass 40 Prozent der Texte davon handeln, dass der Vortragende in seinem WG-Zimmer sitzt und jetzt einen Text schreiben muss, ihm aber nichts einfällt. Solche Texte winden sich dann eine Weile und kommen meist nicht auf den Punkt. Das ist ein bisschen wie diese Reportagen in auf Hochglanzpapier gedruckten Magazinen, die immer damit anfangen, dass der Journalist seine Anreise zum Ort der Reportage beschreibt. Das interessiert natürlich niemanden außer ihm und seiner Mutter, aber Wurscht, das muss rein, das hat noch immer funktioniert, wenn einem sonst kein guter Einfall gekommen ist. Außerdem kann man den Text dann ja mit der Abreise beenden, dann hat man eine hübsche elliptische Form und wird vom Textchef gelobt. Der Textchef ist zwar Kettenraucher und Menschenhasser und findet elliptische Formen an sich affektiert, aber er hat den Glauben an die aktuelle Redakteursgeneration schon lange verloren und lobt deshalb bei hoffnungslosen Fällen auch einfach mal für den Versuch, nicht nur für’s Gelingen.

So ist das bei Journalisten.

Bei Poetry Slammern heißt das dann oft beschönigend freies Schreiben.

Freies Schreiben, das ist wie wenn man auf ein Blatt kotzt und hinterher versucht, mit dem Erbrochenen ein schönes Bild zu malen. Man fängt immer mit einem Wort an und schaut dann, wohin einen das freie Assoziieren bringt. In den meisten Fällen kommt man ziemlich weit, man muss das Werk aber hinterher wegwerfen, weil sich mit Erbrochenem eben nur so mittelgut malen lässt.

Ich musste meiner Frau übrigens irgendwann versprechen, dass ich niemals so tief sinken würde, einen Text über’s Schreiben zu schreiben. Ich habe das versprochen.

Aber es war natürlich gelogen.

Also, hey, freies Schreiben. Wir beginnen völlig willkürlich mal mit dem Fremdwort aus dem vorvorletzten Satz.

Hier: Assoziieren.

Das bringt mich nämlich auf die Psychiatersprache, die ich ständig höre, weil meine Frau und ihre beste Freundin Psychiater sind. Psychiater haben, wie alle Berufe, eine Fachsprache, aber das Schöne ist, dass sie lauter allgemeinverständliche Ausdrücke verwenden. Ich meine, hey, ich rede mit Kollegen über Clippings, tailored messenging, placed stories und verwende Abkürzungen wie CCU, ARPPU, DAU, MAU, CPL und so weiter. Meine Frau hingegen, die hört mir zu, wenn ich einen doofen Witz mache, beugt sich dann vor, zieht eine Augenbraue hoch und unterstellt mir eine Assoziative Lockerung. Oder erinnert mich daran, dass ich mal wieder aufräumen müsste, in dem sie mir hinwirft, ich habe, naja, damals vor ihrer Zeit bekanntermaßen ja auch in einem Zustand trockener Verwahrlosung gelebt. Und dieses Gefühl, das man hat, wenn einem mal wieder auffällt, dass die Welt Gemeinheiten speziell für einen selber bereit hält, etwa den Hundehaufen, der von Gott direkt unter meinen Schuh platziert wurde, das nennen Psychiater Bedeutungserleben.

Aber wir wollen nochmal zur trockenen Verwahrlosung zurückkommen, weiß jeder, was der Unterschied zwischen trockener und feuchter Verwahrlosung ist? Nun, bei feuchter Verwahrlosung gibt’s Schimmel.

Bei genauerem Hinüberlegen bin ich mir übrigens nicht sicher, ob ich damals, vor meiner Frau, nicht auch schon hin und wieder die Grenze zur feuchten Verwahrlosung überschritten hatte, erstaunlicherweise können ja Pizzakartons auch schimmeln. Ich habe immer vor Frauenbesuchen alles hektisch in Mülltüten geworfen, was verzichtbar oder unrettbar verloren schien und den Rest in Schränke gestopft. Dann das Fenster aufgerissen, um die Schimmelsporen, den Biergeruch und den Restkippenqualm zu vertreiben. Dann sich an den Computer setzen, eine Uni-Arbeit vortäuschen und nach dem Eintreten der besuchenden Frau entschuldigend die Arme ausbreiten, schief grinsen und sagen, ach, man sei gar nicht zum Aufräumen gekommen vor lauter Arbeit und bitte das Chaos zu entschuldigen.

Ich nannte das männersauber. Der Zustand des männersauber ist eine delikate Illusion, die nur bei geschlossenen Schränken aufrecht zu erhalten ist.

Naja, jedenfalls schienen sich die Bilder von ziemlich unordentlich aber immerhin nicht feucht verwahrlost im Frauenkopf und naja, angemessen aufgeräumt, man kann ja den Boden sehen in meinem Kopf deckungsgleich zu sein, daher kam ich damit immer einigermaßen durch bei den Mädchen.

Oder vielleicht auch nicht, vielleicht ist die Tatsache, dass sie nicht schreiend weggelaufen sind, auch noch kein wirkliches Indiz.

An dieser Stelle ist übrigens mein Zeitkontingent für sinnlose Schreibübungen aufgebraucht. Dumm, dass man für derlei Texte nie ein Ende findet, weil sie naturgemäß endlos mäandern könnten. Ich schreib’s daher einfach knallhart in Großbuchstaben hin:

ENDE

Bitte so werden, 2010

by Gunnar on 31. Dezember 2009 · 17 comments

Hm. Mein Jahresendtext von 2008 klingt immer noch erstaunlich aktuell. Ich passe ihn also sanft an und veröffentliche ihn einfach nochmal. Kann ja nichts dafür, dass die Welt mir meine Wünsche nicht erfüllt. Abgesehen davon wünsche ich allen Mitlesenden ein sensationelles Jahr 2010, mit Geld, Schokolade, Sex, milden Drogen, gelungenen Videospielen und allem, was so dazu gehört. Man sieht sich, denke ich.

Ich wünsche mir zuvörderst, dass 2009 2010 in großen Mengen Hirn vom Himmel fällt, unseren Wirtschaftsführern und Bankern und Politikern und Medienmanagern in die hohlen Schädel. Diese Krise von 2008 2009 hat ja eines mal wieder erwiesen — auf ziemlich vielen verantwortlichen Positionen, an Schlüsselstellen mit ausreichend Potenzial Unheil anzurichten, sitzen mittelmäßige Flachpfeifen, welche die verschärfte Form von repräsentativem Eierschaukeln, die sie Tag für Tag betreiben, schon für einen richtigen Job halten. Die ihre virtuellen Welten mit den Eckpfeilern Golf, Gadgets, Vielfliegermeilen, Telefonkonferenzen, Bonuszahlungen und Sekretärinnentitten für die richtige Welt halten. Die ihre kleinen Entscheidungen treffen wie Straßenbahnschaffner Tickets abknipsen, mit den bewährten Methoden von gestern und vorgestern und vorvorgestern. Nur dass die Entscheidungen eben zuweilen enorme Auswirkungen haben. Aber das ist ja nicht zu ahnen, wenn man keine Fantasie hat.

Ach.

Ich wünsche mir, dass Gott mir mehr Gelassenheit schenkt oder besser doch nicht — was soll ich mit Gelassenheit? Gelassenheit ist was für Menschen ohne Herz. Ich wünsche mir also stattdessen, dass Gott mir den soliden Herzmuskel, den stabilen Magen und das drahtseilige Nervenkostüm schenkt, das ich brauche, um mit meiner sensibel-cholerischen Persönlichkeitsstruktur und der Bosheit dieser Welt klarzukommen.

Und ich wünsche mir, dass einige Wörter verschwinden, darunter auch einige, die ich selber zuweilen sage, was natürlich kein gutes Licht auf meinen Willen zum Guten, Schönen und Wahren wirft, also Wörter wie wording, wellness, content, bullish (sagt jetzt eh keiner mehr), Sowieso to go, Reputations-Management und noch viele mehr, die mir gerade nicht einfallen wollen, aber wenn man sie sieht, wird man sie erkennen, da bin ich ganz sicher.

Und wo wir gerade beim Verschwinden sind, ich wäre aus rein ästhetischen Gründen froh, wenn blaue Hemden mit weißen Krägen verschwinden würden und Pop-Under/Pop-Up-Werbespamfenster und diese absurde Reklame auf den Toiletten von Autobahnraststätten und Casting-Shows und das deutsche Fernsehen ganz allgemein und Mario Barth und Bugs in PC-Spielen und Leute, die sich in Zügen die Fußnägel schneiden und Guido Westerwelle und von der Layen und, ogott, jetzt gerate ich beim Wünschen in eine Art Strudel. Aber es sollen auch noch die Zufrühknaller verschwinden, die Am-Ende-der-Rolltreppe-Stehenbleiber, die unnötig-die-Spur-wechsler, die Nichtblinker, die In-der-Stadt-mit-dem Golf-auf-85-Beschleuniger, überhaupt alle Leute, die ein Auto bewegen, ohne den festen Willen zum Miteinander aufzuweisen. Die Unfreundlichen, die Intoleranten, die Egoistischen.

Arrrrgh. Themawechsel.

Ich wünsche mir, dass 2009 2010 die SPD ein bisschen, wenigstens ein kleines bisschen, Würde zurückgewinnt. Es müssen ja keine Wahlen sein, nur ein wenig Würde.

Im Sinne vieler Kollegen wünsche ich mir, dass die Printauflagen deutscher Magazine und Tageszeitungen ein wenig langsamer zusammenbrechen als in den vergangenen Jahren, natürlich mit Ausnahme von Produkten, die eh kein Mensch braucht, wie Focus, PC Games oder Junge Freiheit. Ahem. Vor allem sollen meine Lieblingsmagazine (neben GameStar und GamePro sind das 11Freunde, Brand Eins, GEE und Effilee) das kommende und auch noch viele weitere Jahre gut überstehen.

Ein paar gute Spiele würden mir das Jahr auch erhellen, etwas Besseres aber grundsätzlich ähnliches wie Dragon Age vielleicht? Meinetwegen auch so ein Ich-führ-dich-am-Nasenring-durch-die-Welt-Dingens wie Batman Arkham Asylum, wenn’s denn hübsch gemacht und halbwegs unschmerzhaft erzählt ist. Oder ist das zu viel verlangt? Dann wenigstens weitere brauchbare mobile Spiele wie das sensationelle Scribblenauts oder The Creeps oder Canabalt. Eine gute Grundversorgung an Solo-Rollenspielen wäre mir weiterhin wichtig (sehe ich da nicht Mass Effect 2 am Horizont?), MMORPGs können mir weiterhin gestohlen bleiben.

Und Gesundheit für meine Familie und gerne auch für mich. Und Weltfrieden. Und Sonnenschein. Und sauberes Wasser, vernünftige Mitmenschen und mehr Gutes, als die schlechten Menschen ertragen können.

Und vielleicht steigt ja dann doch endlich Jesus aus seinem Sternenschiff herab, um die Gerechten zu retten. Ich wäre soweit.

Lieber Stefan Hauck, Textchef der “Bild am Sonntag”,

in der heutigen Ausgabe ihres, auch liebevoll BAMS genannten, Revolverblättchens schreiben Sie in einem Text über den “Sturz” von Jürgen Klinsman (“Klinsi”):

“Ein bisschen überraschend vielleicht fängt dieser Text mit Helmut Schmidt an, dem Alt-Bundeskanzler, der sein Leben nutzt, um viele kluge Dinge zu sagen, zum Beispiel über das Rauchverbot und die chinesische Außenpolitik. Ein weniger kluger Satz von Herr [Helmut] Schmidt liegt 29 Jahre zurück und lautet: Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen.”

Mal abgesehen davon, dass ein Anfang, der so holperig, so umständlich und so Ich-der-Autor-erkläre-euch-Deppen-mal-wie-ich-euch-überrasche daherkommt, jedem Volontär um die Ohren gehauen worden wäre: Das ist obendrein Blödsinn, Herr Textchef. Der Satz von Schmidt ist natürlich sogar sehr klug, nicht nur, weil er griffig ist und Schmidts Haltung hübsch zeigt, sondern auch weil er auf die korrekte Bedeutung von des Wortes “Visionen” hindeutet:

“Visionen” sind, wenn man die deutsche Sprache und nicht so ein pseudomodernes Management-Denglisch einsetzen will, Herr Textchef, immer noch “religiöse Erscheinungen” oder “Halluzinationen”.

Nur die fortschreitende Verstumpfung unserer Muttersprache durch Leute in Wirtschaftszweigen, die keine eigene Fachsprache entwickelt haben, deswegen mit Neid nach Amerika gucken und einfach ohne Sinn und Verstand englische Wörter und Konstruktionen in deutschen Satzstrukturen nageln, hat es ermöglicht, dass der Begriff “Vision”, der im Englischen auch sowas wie “Ziel” bedeuten kann, im Deutschen mittlerweile im Sinne von “richtungweisende, erneuernde Zukunftsvorstellung” einsetzbar ist. Das gilt aber nur für die Einzahl.

Und Sie, Herr Textchef, sollten doch das Streben haben, Deutsch korrekt zu verwenden.

Sogar in der BILD.

Herr Kaliban auf 140

by Gunnar on 1. April 2009 · 12 comments

Neulich icq’te ich mit einer alten Bekannten, es fiel der Satz “Ach, in dein Blog müsste ich auch mal wieder schauen, das habe ich schon lange nicht mehr gemacht.”

Uh.

Offenbar gibt es Leute, die nicht jedes Wort verschlingen, dass ich in die Welt spucke. Verwerflich. Gemein. Das führt bei mir natürlich, wie bei allen Content-Produzenten, zu einer Trotzreaktion. Daher folgt jetzt eine kleine Sammlung der besten kalibanischen Twitter-Einträge. Hat ja bestimmt auch wieder keiner gelesen. Also:

Was ich über die Welt weiß:

Erstaunlich, wie sich Dinkelkeksreste mit Babysabber zu einer betonartigen Masse verbinden können. Daraus könnte man Bunker bauen.

Die Arroganz wurde logischerweise in Berlin erfunden. Aber in München und Frankfurt werden die besten Fortbildungskurse angeboten.

Mobilfunkmasten auf Dächern sehen aus wie Insektenbeine mit Zahnarztinstrumenten gekreuzt. Kein Wunder, dass Esoteriker Angst davor haben.

Auf Plastikbechern von Ikea steht der Name der Designerin. Wow. Noch in 500 Jahren wird die Dame auf den Müllhalden der Welt berühmt sein.

Was so passiert:

Hotelduschendrama: Wasser kalt. Drehdreh. Wasser heiß. Drehdreh. Wasser gut. Ahh. Dann: Armbewegung, Armatur touchiert. EISWASSER! Argh!

Sie hat Schwarzarbeiter gesagt. Ich habe Schwanzarbeiter verstanden. Peinliche Stille ensues.

Psychologen bieten in der U-Bahn spontan Hilfe an; Schulkinder helfen mir über die Straße. Offenbar MUSS ich jetzt mal endlich zum Friseur.

Unfehlbar identifizieren Supermarktleiter meine Lieblingsgeschmacksrichtung als Regalballast und listen sie aus. Jedesmal. Gemein, die Welt.

Was andere Leute sagen:

Meine Frau sagt, man könne meinen Musikgeschmack unter “simple Gitarrenmusik” subsummieren. Ich finde das vage beleidigend.

Spruch des Tages (über die Leistung des FC Bayern gestern): “Da spielt ja mein Kicker besser, wenn keiner dran steht”

Leute, die kundtun, dieses oder jenes RSS-Abo zu löschen, drohen auch Ladenbesitzern damit, zukünftig nicht mehr ins Schaufenster zu gucken.

“Wenn Gott so groß ist, warum spielt er dann nicht Basketball?” (Zitat der Woche)

Wörterseen

by Gunnar on 28. Januar 2009 · 7 comments

wordle
world3
wordle2

Drei Kaliban-Texte, durch Wordle gequetscht. Instant-Kunst, sozusagen. [via McW]

Mein Wort des Tages

by Gunnar on 17. Dezember 2008 · 5 comments

Informationsredundanz

Soll, glaube ich, heißen, dass man in gewissen Formaten Dinge auch doppelt erwähnen darf, um sie zu verdeutlichen –> “Lass uns da mehr Informationsredundanz schaffen, indem wir den Namen des Produktes noch mit einblenden, nicht nur nennen.”

Blabla makes the world go round.