Verlage

Heute erschien die letzte Ausgabe der Financial Times Deutschland.

Die Redaktion verabschiedete sich mit einem schönen Foto, auf dem sich alle verneigen. Und den folgenden Zeilen:

Entschuldigung,
liebe Gesellschafter, dass wir so viele Millionen verbrannt haben. Entschuldigung, liebe Anzeigenkunden, dass wir so kritisch über Eure Unternehmen berichtet haben. Entschuldigung, liebe Pressesprecher, dass wir so oft Euren Formulierungsvorschlägen nicht gefolgt sind. Entschuldigung, liebe Politiker, dass wir Euch so wenig geglaubt haben. Entschuldigung, liebe Kollegen, dass wir Euch so viele Nächte und so viele Wochenenden haben durcharbeiten lassen. Entschuldigung, liebe Leser, dass dies jetzt die letzten Zeilen der FTD sind. Es tut uns leid. Wir entschuldigen uns vorbehaltlos. Aber: Wenn wir noch einmal von vorn anfangen dürften – wir würden es jederzeit wieder genauso machen.

Das ist gefällig formuliert und hat auf den ersten Blick irgendwie Klasse. Bei Licht betrachtet ist das allerdings schon eine dezent arrogante Nummer für eine Zeitung, die nicht am mangelnden Durchhaltevermögen ihrer Verleger oder Anzeigenkunden oder gar ihrer, haha, Unbequemlichkeit gescheitert ist, sondern schlicht zu wenig Leser gefunden hat. Weniger als die taz, um das mal auszusprechen. (Und die taz hat keine internationale Marke oder einen Großverlag auf der Habenseite.)

Trotzdem sind natürlich die Umstände schuld. Am Journalismus kann es ja nicht liegen. Oder doch? Wir nehmen mal meine Lieblingsfokusgruppe: mich.

FRAGE: Herr Kaliban, Sie sind doch Teil der Zielgruppe. Warum lesen Sie nicht die FTD?
ANTWORT: Ich wollte. Wirklich. Aber ich habe aufgehört, die FTD zu lesen, nachdem ich in drei aufeinanderfolgenden Ausgaben eine Verwechslung von “Billion” und “Milliarde” entdeckt hatte – und in der dritten Ausgabe auch noch horrender Unsinn über die Spielebranche stand, so richtiger Unsinn, mit falsch interpretierten Zahlen und so.
FRAGE: Ah. Danke. Sie dürfen sich setzen. I rest my case.

Die ganze passiv-aggressive “Entschuldigung” passt allerdings gut zu dem Tenor, der überall zu hören ist, seit das Ende der FTD angekündigt wurde: Schade sei das, bitter gar, das Internet sei schuld, es sei das Ende einer tollen Zeitung, die dem Land fehlen werde et cetera.

Natürlich ist das traurig, wenn 350 Arbeitsplätze über den Jordan gehen, aber vielleicht hat die taz recht, die heute schreibt:

Dass der Verlag nun bei diesem Produkt genau jene Kriterien von Rentabilität und Profit walten lässt, auf die Kommentatoren jener Zeitung stets so bescheidwisserisch wie kaltherzig verwiesen, wenn es, sagen wir, um das Schicksal von Nokia-Arbeitern oder Schlecker-Angestellten ging, ist für die Beteiligten vielleicht lehrreich und sicherlich unangenehm. Aber mehr auch nicht.

Die Larmoyanz deutscher Journalisten in den letzten Jahren ist in der Tat unerträglich geworden – die Verkaufszahlen gehen südwärts, ja, aber das gehen sie, zumindest für die Tageszeitungen, schon seit den 90ern. Jeder weiß seit vielen Jahren, dass man was tun muss. Und doch wird vergleichsweise wenig getan: Preise hoch, Seiten runter, als Redaktion getarnte Werbung allerorten, Praktikanten statt Redakteure und immer noch mehr Tricksereien, um die Abodauer zu verlängern. (Bei der SZ etwa kann man heutzutage im “Abo-Center” auf der Website alles tun, nur nicht kündigen. Dafür muss man einen Brief schicken. Bitch, please.) Und wenn bei einem, sagen wir, Joghurthersteller das Produktmanagement auf die Idee käme, auf sinkende Verkaufszahlen mit einer offensichtlichen Reduzierung der Qualität sowie der Menge pro Gebinde und einer klaren Anhebung des Preises zu reagieren, würden die Leute möglicherweise gefeuert – in Verlagen hält man sich hingegen für clever, wenn man aus den letzten treuen Lesern möglichst viel herausquetscht*.

Aber nun. Ist ja auch egal. Bald kommt das Leistungsschutzrecht und macht die ganze kaputte Welt wieder heile. Bestimmt. Und wenn nicht, dann kommt nach dem Leistungsschutzrecht die Kampagne für die Mehrwertsteuerreduzierung und die Kampagne für Steuererleichterungen und die Kampagne für Verlagsbailouts und was weiß ich.

* Anmerkung in eigener Sache: Natürlich haben wir das in meiner aktiven Zeit als leitender Verlagsangestellter auch so gemacht, managing print for profit hieß das bei uns. Ich sage auch nicht, dass es ganz anders geht, dass Kampfpreise und/oder Qualitätsoffensiven den Printjournalismus retten könnten. Man muss aber eben die Zeit der sinkenden Printauflagen nutzen, um andere Standbeine zu schaffen. Und die Maulerei, dass die Kostenloskultur, das Internet oder das schlechte Wetter schuld seien, möge man sich ganz verkneifen. Das steht Profis nicht gut zu Gesicht.

RTL 2 vs. GamePro

by Gunnar on 14. Januar 2012 · 12 comments

Herr Kaliban staunt über die Wunder des Webdesigns.

Die Webseite der Zeitschrift GamePro, für die ich eine Weile mitverantwortlich war, hatte ein paar Jahre lang einen, nun, Innovationsstau. Was dazu führte, dass User unverhältnismäßig lange mit dem hier abgebildeten Webdesign leben mussten:

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Buchpreisbindung

by Gunnar on 14. Dezember 2011 · 16 comments

Weil ich’s gestern in den Kommentaren zum Buchtipps-Beitrag mit der Hilfe von Herrn Traveller* eh erklärt habe (und es immer und überall falsch wiedergegeben wird), gibt’s hier eine kurze Erläuterung, was die Buchpreisbindung bedeutet.

Die deutsche Buchpreisbindung bestimmt, dass Verlage einem Buch einen Preis geben müssen und den auch nicht einfach so ändern können. Das hat nichts mit dem Genre oder sonstwiewas zu tun: Die Kalibanverlag und Co KG kann kleinauflagige Gedichtsammlungen von Gunnar L. für 79 Cent herausbringen, gleichzeitig aber für die neue Folge von Harry Potter 66,60 Euro nehmen. Die Preisbindung legt nur fest, dass der Preis eingehalten werden muss. Das hieße: Die Gedichte dürfen 18 Monate lang nicht mehr teurer werden, auch wenn sie überraschend viel Erfolg haben und Herr L. gerne mehr Geld hätte. Und Harry Potter, Band 8, darf nicht verramscht werden, auch nachdem der Verlag eingesehen hat, dass der Preisansatz für die Zielgruppe ein bisschen zu steil war. Dazu gibt es eine paar kleine Ausnahmen, aber nichts, was die Regel nicht bestätigen würde.

Das ist das eine. Wichtiger ist, dass die Buchpreisbindung auch für die Händler gilt: Amazon und Thalia müssen für den neuen Band von Bestsellerphilosoph Precht* 16 Euro 99 verlangen, obwohl sie Tausende Exemplare beim Verlag ordern und eine enorme Einkaufsmacht darstellen — und können nicht die Bücherwurm GbR aus 01234 Hintermwald am Einöd unterbieten, die den Precht nur 4 mal verkauft. Die 16,99 stehen. Das ist signifikant anders als bei kulturell weniger wertvollen Gütern, Computerspielen beispielsweise, wo die Ketten den Indies mit Aktionspreisen das Wasser abgraben können. Amazon hat natürlich die Möglichkeit (und tut das auch) auf Buchverlage Druck auszuüben, um den Einkaufspreis zu senken. Aber das ist eine andere Geschichte.

Der Tatbestand, dass eBooks gefühlt nicht genug Preisabstand zu gedruckten Büchern haben, hat hingegen, anders als oft behauptet, nichts mit der Buchpreisbindung zu tun. Ein Verlag könnte selbstverständlich die Kindle-Edition des oben erwähnten Precht’schen Werkes statt für 13,99 (drei Euro weniger als gedruckt) auch für, sagen wir, 8 Euro fuffzich anbieten und damit genau die Hälfte der Printversion verlangen. Wär’ aber vielleicht dem Umsatz nicht zuträglich. Oder vielleicht doch, wer weiß das schon?

Das geht alles wieder weg

by Gunnar on 25. Januar 2010 · 25 comments

Ein Beitrag, in welchem der Herr Kaliban in leicht ungeordneter Weise sein Unbehagen an der aktuellen Unart der so genannten Qualitätsmedien erkennen lässt, sich die Welt schön- und das moderne Zeug aus dem Internet wegzudenken.

zeit interview

Wir beginnen mit Zeit Online, die Kollegen interviewen den Wallpaper-Erfinder und elitären Zeitschriftenmacher Tyler Brûlé, freuen sich über ein paar Aussagen, wie sie Verlage gerne hören und überschreiben den Beitrag mit “Medientrends: Twittern war gestern”. Offenbar reicht es heutzutage schon für einen Trend, wenn eine gut gekleidete Einzelperson sagt, sie aktualisiere ihre Facebook-Seite nicht mehr. Und sich die gute alte Welt zurückwünscht:

“Zuschauer würden sich über den Luxus von weniger Auswahl freuen. Es gibt viele, die sich nach den Zeiten zurücksehnen, als man zum Beispiel BBC 2 oder das ZDF einschalten konnte und einen Abend mit guten, solide gemachten Programmen verbrachte und einfach nur auf der Couch saß.”

Klar. Ich sitze auch oft abends da, bin erschlagen von der Auswahl aktueller Medien und wünsche mir einen Abend mit dem ZDF.

Seufz. Als Beweis für den Trend zurück zum Bewährten zerrt Brûlé den relativen Erfolg (*) der Zeitschrift The Economist heran. Aber hey, der Economist ist eine der beste Zeitschriften der Welt. Die Auflage liegt derzeit bei anderhalb Millionen und kein Wunder — das Heft ist ja auch voll von relevanter Information, macht selten grobe Fehler und hat fast immer tolle Cover (*). Wenn deutsche Wirtschaftspresse auf diesem Niveau agieren würde, ging’s ihr auch besser, keine Frage. Dieser Erfolg dürfte nicht recht nachahmbar sein.

Aber egal, weiter im Text.

szDann kommt die SZ um die Ecke und lässt den früheren Virtual Reality-Pionier Jaron Lanier zu Wort kommen, der gerade sein aktuelles Buch promoten muss und in einem atemlosen Interview in rascher Folge absurde Behauptungen und Forderungen aufstellt: Google sei das Äquivalent zur Kommunistischen Partei, Google habe die gleichen Ziele wie die Chinesische Regierung, Google müsse Geld verlangen für die Inhalte, die es anbiete und dieses Geld den Autoren geben, der Islamistische Terrorismus sei in Teilen ein Phänomen der Mob-Kultur im Internet und so weiter. Unwidersprochen, ohne Gegenfrage. Der Interviewer versteht sich nur als Stichwortgeber.

Schon klar, liebe Verlage, dass ihr momentan Linie halten müsst, während eure Bosse versuchen, das größenwahnsinnige Leistungsschutzrecht durchzusetzen. Aber so albern und plump muss es doch nun wirklich nicht sein.

Ich empfehle wie immer zum Thema Technologiekritik den großartigen Aufsatz von Kathrin Passig, die ihren Standpunkt auch nochmal in einem sehr lesenswerten Interview auf tagesschau.de darlegt. Ihre Aussage zu Facebook liest sich wie eine direkte Antwort auf Tyler Brûlé:

Facebook soll bitte wieder bedeutungslos werden. Und weil Facebook das größte soziale Netzwerk ist, verschwinden logischerweise alle kleineren gleich mit. Danach sieht das Leben wieder genau wie früher aus, und niemand muss sich mehr Sorgen machen, weil er keinen rechten Anschluss an die neuen sozialen Sitten findet. Dass Facebook in ein paar Jahren wieder an Bedeutung verliert, ist dabei sogar ziemlich wahrscheinlich; von AOL, dem Platzriesen der 90er, hat man schließlich in letzter Zeit auch nicht mehr so viel Aufregendes gehört.
Die schlechte Nachricht für Anhänger des “Nur-eine-Phase”-Glaubens: An die Stelle von Facebook wird nicht der Prä-Facebook-Zustand treten, sondern Angebote, die noch viel stärkere Verwerfungen in unseren sozialen Gepflogenheiten mit sich bringen.

Wir leben in schweren Zeiten der Medienkrise, die Verzweiflung der Verlage ist mit Händen zu greifen. Da werden die Töne schriller und die Ideen absurder.

Okay, dass Verlage grundsätzlich alles, was sie ausblasen, für “Qualitätsjournalismus” halten, daran hat man sich ja gewöhnt. Und dass sie mehrheitlich offenbar der grundsätzlichen Meinung sind, Menschen würden vermutlich dann für ihre speziellen Paraphrasierungen von dpa-Meldungen zahlen, wenn sie nicht komfortabel auf Papier ins Haus geliefert, sondern nur ins weiße Rauschen des Netzes geschossen werden, ist folgerichtig — eine Illusion folgt eben der nächsten.

Aber dass Springer (laut Spiegel.de) den Zugang per iPhone zu Welt.de und BILD.de sperren will, um iPhone-Besitzer zum Kauf von Abo-Apps zu zwingen, das ist das Bizarrste, was ich in dieser Sache seither gehört habe. Absurd. Mal abgesehen davon, dass die entsprechende Weiche leicht umgehbar wäre — was hätten die Springers denn zu bieten, was sich nicht anderswo auf kostenfreieren oder weniger garstigen Quellen auch finden ließe?

Der Springer-Verlag will deshalb auch Ende des Jahres Apps für “Bild” und “Welt” einführen, die voraussichtlich über ein Abo-Modell nutzbar sein sollen. Kunden sollen mit zusätzlichen Inhalten wie Interviews geködert werden; mit Einführung wird der Zugang zu den Web-Seiten von “Bild” und “Welt” über das iPhone gesperrt – möchte man weiterhin die Seiten nutzen, ginge das nur noch über das kostenpflichtige Programm. (Quelle: SpOn)

Dr. Burda und die armen Verleger

by Gunnar on 30. Juni 2009 · 23 comments

Dr. Hubert Burda, deutscher Großverleger und eigentlich niemand, der im Netz großflächig zu spät gekommen wäre, fordert heute…

[…] Wir benötigen vernünftige und verlässliche politische und wirtschaftliche Rahmenbedingungen für Zeitungen und Zeitschriften. […] Freier, verantwortungsvoller Journalismus muss refinanzierbar bleiben. Und wenn die strukturelle Krise der freien Presse deren finanzielle Spielräume enger werden lässt, muss die rechtliche Absicherung der wirtschaftlichen Basis umso mehr ein Selbsterhaltungstrieb unseres Rechtsstaats sein. […] (Quelle: faz.net)

…tja, was fordert er? Staatshilfen? Care-Pakete? Nein, er will ein Gesetz, das vor der, uh, Ausbeutung durch Suchmaschinen schützt. Ein hübsches kleines Gesetz extra für die Verlage, damit die ihren, nun, “verantwortungsvollen Journalismus” (welches seiner Magazine meint Dr. Burda hier: Focus, Bunte, Frau im Trend, Super-Illu?) weiter wirtschaftlich betreiben können. Leistungsschutzrecht heißt das ganz hübsch. Der Perlentaucher führt aus: Ein Leistungsschutzrecht für Verlage bedeutet, dass Verlage künftig auch ohne Einverständnis ihrer Autoren – ja sogar gegen den Willen ihrer Autoren – Zitate aus Artikeln in ihren Zeitungen schützen und damit kostenpflichtig machen können. Heise.de fasst die Angelegenheit unter der schönen Überschrift Verleger fordern Schutz vor und Geld von Suchmaschinen zusammen. Weitere Reaktionen hier, hier, hier und hier.

Mal ganz offen gesprochen, liebe Verleger — wer da das hohe Wort von kritischer Öffentlichkeit, von Qualitätsjournalismus, von Vierter Gewalt im Munde führt, muss sich auch die Frage gefallen lassen, was denn in den Medienhäusern da so Schützenswertes produziert wird. Brauchen wir den Boulevard, der nach Gutdünken Menschen erhebt und demütigt, brauchen wir Qualitätsmedien, die ihre Autoren auspressen, brauchen wir die ganze Masse an Ventilatoren für dpa-Meldungen, den ganze Promi-Klatsch, den ganzen Blätterwald für Partikularinteressen? Wird das Volk unmündig, wenn die Joy eingeht und Maxim nicht wiederkommt?

Oder haben wir es hier doch mit einer nicht recht zukunftsfähigen Industrie zu tun, die nicht weiß, wie sie der Krise begegnen soll und prophylaktisch nach dem Staat schreit, für den Fall, dass ihnen in den nächsten Jahren auch nichts einfällt?

Dabei sind die Rezepte klar: Preise für Printprodukte soweit erhöhen, dass sie sich notfalls ohne Werbung tragen (wenn’s WIRKLICH Qualitätsjournalismus ist, zahlen die Leute schon — siehe Brand Eins), aufgeblähte Apparate eindampfen, im Web maßvoll investieren und sich bei neuen Projekten an der eigenen Kernkompetenz entlanghangeln, anstatt mit Ausgabenkanonen auf Einnahmespatzen zu schießen.

Zugegeben: Ich (als alter Zeitschriftenmacher) wäre natürlich auch froh, wenn das alles immer so weiter gehen würde, wenn man auch heute noch als Chefredakteur einer Fernsehzeitschrift 30.000 Mark monatlich verdienen könnte, wenn Auflagen und Werbeeinnahmen auch heute noch wie von selber steigen würden. Aber so ist die Welt nicht — wenn wir unsere Jobs behalten wollen, müssen wir eben ein bisschen härter arbeiten, ein bisschen schlauer sein, ein bisschen querer denken.

Das ist nicht so angenehm, aber zumutbar.

Managerkrisen und Krisenmanager

by Gunnar on 5. Dezember 2008 · 23 comments

Ich bin ja, ehrlich gesagt, bei all diesen Wirtschaftsthemen, mit denen man heutzutage als Zeitungsleser so konfrontiert wird, nur ein Laie. Das eine Semester VWL Grundkurs, das ich so um 1995 belegt habe, reißt da nicht viel raus. Daher möge man mir meine naiven Fragen verzeihen, aber:

Was genau macht die aktuellen Probleme der Autoindustrie so besonders, dass man gleich nach staatlicher Hilfe rufen darf, ohne als Abzocker angeprangert zu werden?

Ich sehe schon ein, dass das blöd ist, wenn man weniger Autos verkauft, die Preise durch den Boden schlagen und man obendrein in den Bilanzen kleinere strukturelle Ungeeimtheiten entdeckt.

Aber wie unterscheidet sich das, sagen wir, von der Verlagskrise? In den Medienhäusern gehen seit Jahren die Umsätze südwärts, weil das schöne alte Geschäftsmodell nicht mehr funktioniert und die Kunden sich erdreisten, einfach ihr Kaufverhalten zu ändern. Dazu kommen regelmäßige Paradigmenwechsel auf den Werbemärkten, ein gewaltiger und Ressourcen verschlingender Innovationsdruck durch das Internet und die Tatsache, dass uns China frech das Papier wegkauft. Aber hey, haben die Verlage nach Schutzschirmen, Staatsgarantien und Wagenladungen von Steuergeldern geschrien? Nein, denn den Verlagen ist, das merkt man auf jeder Podiumsdiskussion, irgendwie schon klar, dass diejenigen von ihnen, die ihre Ausrichtung zu langsam ändern, vom Zeitgeist hinweggefegt werden. Print ist ein Rückzugsgefecht, Online ein Minenfeld, Hoffnung blüht zumeist nur in den Nischen. Die Verlage haben das alles noch lange nicht im Griff und vielleicht schaffen sie’s auch nie, aber immerhin arbeiten sie aktiv an ihrem Überleben mit. Naja, jedenfalls einige.

Die Autoindustrie konnte doch durchaus erahnen, dass Benzin tendenziell teurer wird und die Konjunktur generell irgendwie zyklisch funktioniert — dennoch setzt man, auch und gerade in Deutschland, voll auf Spritverbrauch und immer mehr Elektro-Ausstattungsschnickschnack, der die Kisten anfälliger und teuer macht. Und die Tatsache, dass das ganze Ding mit dem Leasing konzeptionell auf Wachstum und steigende Preise ausgelegt ist und in Zeiten zurückgehender Kaufkraft oder steigender Kreditzinsen wie eine Splitterbombe auf die Bilanzen wirken kann, kann den Herren in den Chefetagen doch auch nicht total unbekannt gewesen sein.

Mir ist das alles rätselhaft.