Welt

Damals, als wir Pseudos waren

by Gunnar on 3. März 2009 · 20 comments

Ach, das Internet.

Da ist es in der Welt, mit seiner Allverfügbarkeit und Allwissende-Müllhalden-Haftigkeit, und macht so vieles von dem überflüssig, was unsere Generation für selbstverständlich genommen hat. Kein Studienanfänger kann sich heute noch vorstellen, wie wir früher Löcher in 5 1/4-Zoll-Disketten gestanzt haben, um sie doppelseitig verwenden zu können. Keine von euch 16jährigen Gören, die ihr selbstgedrehte Handypornos auf dem Schulhof gegen Spice tauscht, weiß, wie sich das Geräusch eines analogen Modems anhört. Kein jugendlicher Führerscheinanfänger weiß, wie beschwerlich es damals war, wenn man unterwegs jemanden anrufen wollte und erstmal einen kaltherzigen Telefonautomaten mit Markstücken füttern musste, um Zugang zum Telefonnetz zu bekommen.

Aber egal. Kaliban.de ist, obwohl als Blog ja quasi der Postpostpostmoderne zugehörig, ein Hort der Erinnerungen, ein Tempel der 80er, eine Sickergrube des Sinnlosen Trivialwissens über jäh vergangene Zeiten. Also. Woran ich heute erinnern möchte, sind die Pseudo-Zeitschriften. Die haben nichts mit richtigen Zeitschriften zu tun, das waren so nachlässig kopierte Blattsammlungen, auf denen sich Menschen, die sich Pseudos nannten (wohl von “Pseudonym”), Botschaften schrieben, die sie Pöngs nannten. So albernes, lustiges, triviales Zeug in Kurzbeiträgen. Eine Art analoges Twitter, ein rundenbasierter Chat. Absurd. Die Heftchen kamen dann alle paar Wochen raus und man schaute nach, was die anderen zu den eigenen Beiträgen geantwortet hatten.

Hier ist ein Beispiel — das Heft namens “Das Fragezeichen” hatte es immerhin auf 192 Ausgaben gebracht.

Die Pseudo-Szene war, wiewohl heute vergessen, wegweisend: In Sachen Signal-to-Noise-Ratio und Orthografie hat man Twitter vorweg genommen.

Der Tag der Mainstreampresse

by Gunnar on 23. Februar 2009 · 11 comments

Erstaunlich: Es ist ein ganz normaler Montag, nicht E3 oder Games Convention oder Tag des Videospiels, und doch erscheinen gleich auf zwei Mainstream-Portalen Artikel zum Thema Videogames.

Erst nimmt Chris bei SpOn den Jubelpatriotismus und die mangelnde Originalität von Killzone 2 ins Visier:

Der Shooter “Killzone 2″ zeigt das erneut: Er ist technisch brillant – und in etwa so smart wie ein “Landser”-Heftchen aus den Fünfzigern. […] Kaiser Wilhelm II. hätte “GTA” nicht verstanden. Dagegen hätte er an “Resistance 2″, “Gears of War 2″ und “Killzone 2″ vermutlich seine helle Freude gehabt.

Das ist ja noch nicht so überraschend. SpOn macht sowas schon mal.

Dann aber regt sich Thomas bei Welt.de über die fortschreitende Mainstreamisierung der Videospiele auf:

Es gibt niemanden, der die Genregesetze radikal bricht, keinen Karl Valentin und keine Nina Hagen des Games. […] Das Videospiel ist erwachsen geworden, hört man oft – das heißt aber auch: Es hat seine Unschuld verloren und noch keine Gelassenheit gefunden.

Und das ist nun schon ein bisschen überraschend — sich in einem Mainstream-Medium zu beklagen, dass sich Games (die, zieht man die ganze DS/Wii-Sportbewegung ab, noch lange nicht irgendswo angekommen sind und schon gar nicht in der Mitte der Gesellschaft) zu sehr dem Mainstream ergeben.