Zeitschrift

Das Schreiben von Artikeln, seit langem nicht mehr mein Hauptberuf, ist ein Geschäft voller Unwägbarkeiten: Mal schreibt man einfach nur ein Wort hin, dann nimmt einen der magische Flow bei der Hand und schwimmt mit einem raus aufs Meer, die Zeit bleibt stehen, und man erwacht zwei Stunden später mit einem Pulitzer-Preis-verdächtigen Werk auf der Festplatte. Das ist, nun, der seltene Fall. Normalerweise schreibt man ein paar Absätze, findet ein paar Sätze gut, andere so mittel und beginnt den ersten von vielen Überarbeitungsgängen, an deren Ende dann etwas Brauchbares steht, vielleicht. Den Prozess nannten wir früher “aus Bronze Gold machen” oder, bei der Redigatur untalentierter freier Autoren, auch despektierlich “aus Scheiße Bronze machen”. Ahem.

Naja, ich jedenfalls schrub neulich einen Artikel für die lobenswerte WASD, das war eine reine Qual, wie sie mir kaum je passiert ist. Vier Anläufe, vier halbe Artikel mit unterschiedlichen Angriffen aufs Thema, aber kein Ansatz wollte funktionieren. Jedes Mal war nach der Mitte klar, dass man es so nicht schlüssig zuende bringen kann. Am Ende, weit nach dem versprochenen Abgabetermin, war es nur noch ein Rückzugsgefecht und der Versuch, aus Dreck wenn schon nicht Bronze, dann wenigstens, sagen wir, Blech zu machen.

Das Resultat ist irgendwann in der WASD nachlesbar (falls der Herausgeber es nicht noch heimlich unter den Tisch fallen lässt, um den Qualitätsdurchschnitt seines Magazins zu halten), ich aber sitze hier mit einem Haufen halber Artikel und einem leicht eingedellten journalistischen Selbstbewusstsein.

Eine ganz hübsche Passage, die es nicht in den Artikel geschafft hat, möchte ich wenigstens hier verwerten. Das zugrunde liegende Ereignis muss in den Achtzigern passiert sein, ich kam drauf, weil ich für den Artikel über die Macht von Metaphern beim Game-Design nachdachte. Also:

Ich habe vor vielen Jahren mal an einem Rollenspiel teilgenommen, 50 Menschen in einem Raum, keine Regeln außer einer knappen Vorgeschichte: „Der König ist gestorben. Ihr seid die Versammlung, die den Nachfolger aus ihrer Mitte wählt.“ Man konnte sich dann noch eine Rolle frei auswählen, sofern sie in das Fantasy-Setting passte, Herr der Diebesgilde, Sprecher der Hobbitgemeinden, so was in der Art. Der Spielleiter schenkte einem dann passend zur Rolle Spielgeld und Einflusspunkte, los konnte es gehen. Den Rest machten wir selber. Es folgten vier Stunden Gespräche zwischen Impro-Comedy und Schauspielschule, das ganze Chaos zusammengehalten dem Wissen, dass am Ende eine Abstimmung stehen würde. Wir logen, schworen, bestachen, bezircten, drohten. Ganz wie im richtigen Wahlkampf. Am Ende gab es einen schwachen König, fast handlungsunfähig durch all die Versprechen, die er abgeben musste, um sich Stimmen zu sichern, aber auf jeden Fall der Mann, der für die unterwegs entstandenen Bündnisse das kleinste Übel war.

Dann brach noch die Revolution aus, aber das war möglicherweise meine Schuld, weil ich die Hobbits aufgewiegelt hatte, das tut hier nichts zur Sache.

Sehr realistisches Resultat übrigens, fast wie bei einer richtigen Wahl.

Das beschriebene Rollenspiel fand auf dem STARD statt, einem längst vergessenen Rollenspiel-Con der frühen Pionierzeit. Ich meine mich zu erinnern, dass der Spielleiter Hadmar Wieser* war, aber ich würde da meinem Gedächtnis nicht vertrauen. Jedenfalls war es eine coole Erfahrung, zu sehen, aus wie wenig man ein interessantes Spiel machen kann: Neben der sehr starken Ausgangssituation (“Wählt den König”) gab es fast nichts, schon gar kein Regelwerk. Alles passierte nur in den Köpfen der Spieler.

So, nun ist wenigstens noch ein Blogbeitrag rausgesprungen bei dem Desaster.

Wired, GQ und die Wunderwelt der Zeitschriften

by Gunnar on 14. September 2011 · 16 comments

Herr Kaliban kehrt zu seinem ehemaligen Lieblingsmedium zurück, als Kunde wenigstens.

Ich lese ja nicht mehr allzu oft Zeitschriften, musste mir aber heute, um mitreden zu können, gleich zwei kaufen. Denn die deutsche WIRED ist erschienen, unter der Regie von Thomas Knüwer (Ex-Handelsblatt-Redakteur, bekannter Blogger), und das deutsche Internet zerreißt sich das Maul über Goodness or Gayness des Heftes. Da das Druckwerk nicht allein erscheint, sondern dem Männermagazin GQ beigebündelt ist, gehören mir jetzt zwei aktuelle Magazine von Condé Nast. Zur GQ später, erstmal meine 2 Cents zur WIRED:

Das Heft macht grundsätzlich erstmal fast alles richtig, Grafik, Layout und Struktur sind originell und sauber gemacht. Es gibt tolle Fotos, viel Kleinteiliges zum Stöbern und schöne Infografiken, darunter eine zum Oktoberfest, die Fakten enthielt, die mir unbekannt waren. Manche der Artikel haben allerdings ihr Thema zu groß gewählt und sind deshalb zu kurz. Ein paar Mal sind die Kleinformate belanglos, ein paar Mal sind sie überkandidelt, aber grundsätzlich stimmt die Richtung. Das Cover finde ich, ganz persönlich, doof und unzugänglich, aber das tut nicht weh — auch die heilige US-WIRED hat nicht immer Volltreffer gelandet. Ein Vorteil gegenüber der amerikanischen Ausgabe ist, dass weniger Werbung drin ist — die deutschen Regeln sind da nämlich anders: Wer hierzulande eine Zeitschrift auf den Markt bringen will, muss weniger als 50 Prozent des Seitenumfangs mit Werbung bestreiten, ansonsten gilt das Druckerzeugnis nicht als Magazin, sondern als Katalog — und verliert eine Reihe von Privilegien, vom ermäßigten Mehrwertsteuersatz bis zum billigeren Postversand. Die US-WIRED bringt es schamlos auf eine Werbeanteil nördlich von 70 Prozent, was ein bisschen nervt. Dafür haben die Deutschen ein, zwei störende paar Promotion-Strecken drin, Werbung im Magazin-Layout. Bäh. Naja, Schwamm drüber, das Problem von Knüwers WIRED ist nicht die Werbung, nicht das Cover, nicht das Layout, sondern das Fehlen eines großen Themas. Der Leitartikel “Gebt Deutschland den Geeks” ist nachgerade Blödsinn (Analyse dazu: hier) und wird durch die nachgeschobenen Porträts von deutschen “Machern” nicht gerettet — das ist kein Debattenbeitrag, keine Anregung, kein Aha-Moment. Schade. Dadurch wirkt das Heft irgendwie unvollständig. Aber hey, für eine Erstausgabe ist es solide Arbeit. Das kann noch werden.

So viel zur WIRED, erstaunlicher war die GQ. Ich bin ja nur so mittel stilbewusst und schaue immer wieder staunend auf die Weisheiten, die mir in solchen Publikationen vermittelt werden: Herrenhandtaschen kann man in Ausnahmefällen tragen; Gummistiefel zur Jeans sind verboten; auf Klamotten mit den Accessoires der Nullerjahre (schmales Revers etc.) sollte man dieser Tage verzichten; der aktuelle Haarschnitt von Jared Leto ist der Hammer; Rot (in allen Abstufungen bis Müllmann-Orange) ist neben Knallblau und Grün die Farbe des kommenden Winters; die Wayfarer bleibt eine zeitlose Brille, auch wenn sie mittlerweile von kleinen Mädchen getragen wird. Und so weiter und so fort.

Eine ganz neue Welt tut sich mir auf.

Und man kann das alles kaufen. Toll.

Besonders erstaunlich aber finde ich die Tatsache, dass Bärte derzeit offenbar TOTAL IN sind. In meiner Welt trägt man Bart ja hauptsächlich zum Verbergen eines nicht allzu gelungenen Gesichtsteils oder aus schlichter Rasierfaulheit, aber offenbar ist der Bart in DER RICHTIGEN WELT wieder total salonfähig. Ich kann das beweisen, ich habe mal die Gesichter der männlichen Models in der aktuellen GQ auf Behaarung untersucht:

Wer mir nicht glaubt, kann sich auch mal die Startseite von Hugo Boss angucken.

Man sieht, glattrasierte Männer sind auf dem Rückzug. Interessant übrigens der hohe Anteil an Models, die das Kunststück fertig bringen, mit 1-Tages-Bärten trotzdem gepflegt zu wirken. Das hat mich eine Stunde lang verwirrt, aber mein Ex-Kollege Sven B. aus, natürlich, M. konnte in den Kommentaren aushelfen: “Für den Ein-Tagesbart benötigt man einen elektrischen Bartschneider mit einer 1mm-Stellung, wird dann am 3ten Tag mit 2mm rasiert und danach wieder auf 1mm.”. Aha.

[Dieser Beitrag wurde ermöglicht durch einen sinnlos durchprokrastinierten Urlaubstag.]

Wie GamePro hätte werden sollen

by Gunnar on 23. Dezember 2010 · 25 comments

So. Da ich ja nicht mehr so richtig bei IDG angestellt bin, kann ich ja endlich AUSPACKEN!

[click to continue…]

PC Zone, quasi ein Nachruf

by Gunnar on 15. Juli 2010 · 14 comments

Herr Kaliban neigt derzeit ein bisschen zur Nostalgie und möchte eine Zeitschrift würdigen.

Nach 17 Jahren, 225 Ausgaben, wird Future Publishing im September die englische PC-Spielezeitschrift PC Zone einstellen*. Der Entschluss kommt am Ende eines langen Siechtums: die letzten Ausgaben fanden gerade noch um die 10.000 Käufer, inhaltlich ist sie schon seit Jahren nichts Besonderes mehr.

Die grundsätzliche Geschichte des Heftes von der Gründung 1993 bei Dennis Publishing über den Verkauf an Future 2004 bis heute kann man auf Wikipedia nachlesen, das ist so mittelinteressant. Interessant war der Stil: Ich habe die Zone Mitte der 90er gelesen, als sie — offenbar beherrscht von einer Horde total durchgeknallter Vollzeitirrer wie dem oder dem oder dem — eine Art Gaming-FHM war, eine Bastion der englischen “Lad Culture”*, aber eben mit einem sympathischen Nerd-Touch. Die Tests waren oft übertrieben hart oder übertrieben enthusiastisch, der Schreibstil manchmal krude, aber sie hatten immer großartige Witze und absurde Ideen.

Unvergessen ist mir der Satz “Well, you know, there are people who don’t want internet access. Presumably because they have a big porn collection already.”. Oder das beste Nerd-Anagramm ev0r:

Wing Commander IV = Cover dim Wingman

Sensationell. Dieses wunderbare Faktum nutzlosen Wissens hat die PC Zone in einem Vortext nebenbei ihren Lesern hingeworfen, Jahre, bevor es Anagrammgeneratoren im Internet gab, und sich schon damit meine ewigwährende Hochachtung erworben. Wild war auch der Joysticktest mit der Nonne, die Noten für, äh, “phallusicity” abgegeben hat oder die absurde Geschichte, wo ein Redakteur Leute im Spieleladen eingeschätzt hat, ob sie Nerds sind:

Editor: What are you buying?
Some guy: Diablo. It’s been recommended by my friends.
Editor (to himself) Tough case — buy RPGs ist nerdy, having friends is not.

Schön auch die Tatsache, dass sie Simon 3D eine Wertung von 3 % gegeben haben, “one point for each of its three miserable dimensions”.

Oder das Cruelty Zoo Debacle, als die PC Zone wegen einer Fake-Werbeanzeige, gestaltet von Charlie Brooker, vom Kiosk genommen wurde.

Ach, ein schönes Magazin war das. Ein bisschen so, wie die PC Action immer sein wollte, aber nie war.

P.S. Alle Sätze in Anführungszeichen sind aus dem Gedächtnis zitiert, das mag nicht immer wortgetreu sein.

Stürme in Wassergläsern

by Gunnar on 26. November 2009 · 52 comments

Ach, es sind lustige Tage derzeit für Leute, die Spielemagazine und Blogs lesen. Der einschlägig bekannte Herr Boris S. aus M. steht im Mittelpunkt eines kleinen Wirbelstürmchens aus Meinung und Gegenmeinung. Ich fasse die Geschehnisse mal rasch zusammen, okay? Also:

Erst schießt meinungsfreudige Herr Luibl, Chefredakteur eines bedeutenden Spielemagazins, eine Polemik in die Welt, in der es um “Embargos” geht, wobei Embargo hier für die Auflagen von Copyright-Inhabern steht, was den Veröffentlichungstermin von Informationen angeht. Boris Schneider-Johne, seines Zeichens Produktmanager für die Xbox 360 (und verdienter Ex-Chefredakteur lang vom Winde verwehter Spielemagazine), fühlt sich angesprochen, erklärt in einem Blog-Beitrag, warum er nicht Luibls Meinung teilt und impliziert am Rande etwas grobschlächtig mangelnde Professionalität (“Wieso seit Ihr schlau und die PR-Leute doof? Welche von diesen beiden Gruppen arbeitet professioneller und hat seinen Job wirklich in einer Ausbildung gelernt?“). Was wiederum den Herrn Luibl vergrätzt, weswegen er in den Kommentaren unfein sein Gemächt schwenkt (“Im Gegensatz zur dir, der damals wie heute im Stile eines jungen Klempners textet, besitze ich [… ] einen Magister Artium germanistischer Prägung plus journalistische Ausbildung”).

Sensationell.

Wollte mich gerade popcornkauend im Sessel niederlassen, um den fortschreitenden Glaubenskrieg zu verfolgen, da legt Boris, offenbar befeuert durch die Debatte, nach und veröffentlicht eine längliche Anklage gegen Spieletests an sich, insbesondere aber die Praxis der Wertungsvergabe in Prozenten. Ich zitiere: “I am not a number! sollte jedes Videospiel schreien. Dummerweise hat man sich aber ein Publikum rangezüchtet, das nur auf diesen Wert schaut. Das Internet kann sich um die Leute, die die Zahlen sehen wollen, viel besser, aktueller und unprofessioneller kümmern. Denn die Journalisten, die nicht nur Elektronen verschicken, sondern echtes Papier bedrucken wollen, sollten doch an sich selbst den Anspruch haben, was besseres abzuliefern als die ganzen Webseiten.” Dazu hat der Herr Luibl auch was zu sagen und tut das in den Kommentaren, zusätzlich springt die Frau Fröhlich, Chefredakteurin eines anderen Spielemagazins, in die Bresche und entgegnet Boris in einer gefällig verfassten Kolumne, Spiele seien anders als Filme und bräuchten Wertungen wegen der vergleichbaren “Features”: “Das Feature unterscheidet Spiele von Theaterstücken, TV-Serien, Kinokomödien und Romanen. Es umgibt uns, es durchdringt uns. Es hält die Galaxis zusammen. Und es ermöglicht Einordnung und Bewertung. Wertungen haben seit jeher die fantastische Eigenschaft, dass man die Hosen runterlassen und sich festlegen muss – besser als x, schlechter als y. Und zwar um so-und-so-viel. Das gilt für Bundesligaspielernoten in der Bild am Sonntag genauso wie eine prozentgenaue Spielspaß-Wertung. Zu einer Dragon-Age-Bewertung im sensiblen Bereich zwischen 75 und 95 Punkten gehört Spielzeit, Erfahrung und Mut – erheblich mehr Mut jedenfalls als für die Aussage “MIR macht das Spiel Spaß”. Oder: “Für MICH ist das nix”. Populärwissenschaftlich formuliert: keine Wertung, keine Eier.”

Woah.

Mir brennen die Kommentare auf der Zungenspitze, da ich weder Boris noch Petras Meinung teile, verzichte aber auf eine detaillierte Schritt-für-Schritt-Auseinandersetzung mit den Texten der Kollegen. Ich möchte allerdings trotzdem eine (grundsätzlich private, von den Meinungen meines geschätzten Arbeitgebers unabhängige) Zeugenaussage zur Sache machen:

Diese Debatte um Sinn und Unsinn von Wertungen geht meines Erachtens in voller Fahrt am Kern der Sache vorbei — bis auf eine kleine, vokale, forenerfahrene Minderheit von Hardcore- und Ex-Hardcore-Gamern ist, das zeigen Gespräche mit echten Spielekäufern und Magazinlesern, niemand so wirklich daran interessiert, ob Heft X oder Webseite Y nun eine 89 oder eine 8.7 vergeben hat, auch wenn man die 100er Skala* an sich grundsätzlich schätzt. Die Wertung ist letztendlich bloß eine Art Wasserstandsmarke, um sich abzusichern, dass das betreffende Werk generell zum Kreis potenziell kaufenswürdiger Dinge gehört. Und ein bisschen auch eine Konsistenzprüfung für das vergebende Medium — wer abseits gängiger Kriterien und unnachvollziehbar wertet, mag irgendwann von der Abteilung “relevant” in die Schublade “kurios” wandern. Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Die “EDGE” hat’s auch überlebt, dass sie Baphomets Fluch 3 10 von 10 Punkten gegeben hat. Jedenfalls zeigt die Erfahrung, dass Wertungen oder meinetwegen Metawertungen im Wesentlichen von Redakteuren und Pressevertretern und Trollen ernst genommen werden, wobei “ernst nehmen” hier im Sinne von “Anlass für eine potenzielle Flamewar-Kriegserklärung” verwendet wird. Viele Leute kaufen, das ist der Fluch eines gereiften Marktes, eh nur noch die Top 5 der Charts, da bekommt man eigentlich nie ein so richtig schlechtes Stück Software. Die Frage, die man in Wirklichkeit von einem Spieletest beantwortet haben möchte, ist: Ist dieses Spiel was für mich? Dazu muss man, da hat Petra nicht unrecht, schon die Features aufarbeiten und einordnen. Dazu muss man aber auch, da hat Boris nicht unrecht (“Erzählt, was das Spiel mit Euch angestellt hat. Welche Emotionen es auslöst, wie euer Bauch und euer Kopf reagierten. Beschreibt die Technik, in Relation zur Handlung, aber nicht als lange Frameratenoptimierungswüste.”) versuchen, die Seele des Spiels zu erfassen und die eigene emotionale Erfahrung als Richtwert mitzuliefern.

Letzteres gelingt den einschlägigen Medien nicht immer, denke ich. Ist auch eine Frage von Skill. Aber hey, meine Meinung ist auch nur ein weiterer Flötenton im dissonanten Konzert der “Insider” — schließlich bin ich wie Boris ebenfalls nur ein Ex-Spielemagazinchefredakteur. Mich würden diesbezüglich die Ansichten der geschätzten Mitlesenden interessieren: I declare this bazaar open.

* Nachtrag: Anders als gerne behauptet wird, ist die böse 100er-Skala keine Erfindung der deutschen Spieleredakteure, sondern wird auch in anderen Bereichen eingesetzt, die nicht leicht zu objektivieren sind: Filme wären zu nennen. Oder, und das ist das schönere Beispiel, die breit akzeptierte TWA-Wertung von Wein, wo die Tester übrigens auch den mathematischen Durchschnitt nicht ausschöpfen, sondern sich auf den interessanten Bereich von 80+ konzentrieren.

Beef! — eine Art Heftkritik

by Gunnar on 19. Oktober 2009 · 29 comments

Man muss die Damen und Herren von Grunerundjahr ja grundsätzlich loben, weil sie auch jetzt, wo die meisten Printmedienmacher in klapprigen Seifenkisten ohne Anschnallgurt den Berg hinunter und auf diese Mauer unten im Tal zurasen, noch so viel Vertrauen in ihr Geschäftsmodell haben, dass sie auf einen Schlag gleich drei neue Zeitschriften herausbringen: Beef!, Business Punk und Gala Men. Alle für Männer, überraschenderweise.

Ob sie sich mit dem, was sie da auf den Markt geworfen haben, einen Gefallen tun, muss die Zeit erweisen. Ich jedenfalls habe wenigstens Beef! mal testhalber gekauft, was ein handfester Akt von verlagsübergreifender Solidarität ist, denn das Blatt kostet knapp zehn Euro — und es liegt nicht mal ein Kleinwagen dabei.

beef coverGroßverlage denken, was mir schon seit langem schräg vorkommt, in Zielgruppen, nicht in Themen. Man macht also nicht einfach eine gute Zeitschrift für über’s Kochen, die dann bestimmt Leuten gefällt, die gern gut essen und mit vernünftigen Zutaten arbeiten, sondern, huh, ein rock&rolliges Kochmagazin für Männer. Für Männer mit Geld, natürlich. Und legt gleich die Karten im Editorial auf den Tisch — der Chefredakteur fabuliert uns vor, er habe das Heft für seinen Freund “Christoph” erdacht. Bei Grunerundjahr, muss man wissen, denkt man nicht nur gern in groben Zielgruppenrastern, sondern stellt sich bizarrerweise die Idealzielgruppe auch noch personifiziert* vor. Und dieser Christoph ist eben so, wie man den Leser wohl gerne hätte: Mann, 42, Hamburg, stinkt vor Geld, findet nicht-selbstgemachte Nudeln prinzipiell öde, hat Kinder und Frauen nicht gern in der Küche, kocht auf hohem Niveau, streitet mit Freunden über die Vorteile und Nachteile von Induktion und Gas. Puh. Ein arroganter Großstadtfatzke offenbar.

Da möchte man gleich das Heft zuklappen und an den Verlag unfrei zurücksenden, mit dem Vermerk “Zielgruppe verfehlt”.

Wenn man dann liest und blättert, relativiert sich der erste Eindruck. Aber nicht gleich: Erstmal muss man zwar über das irgendwie stylishe, aber krass unübersichtliche Inhaltsverzeichnis hinweg und dann auch noch die anstrengende Mischung aus Kuriositäten und Schleichwerbung aus dem Weg blättern, mit der Blattmacher immer gerne beginnen, um die Götter der Heftdramaturgie zu besänftigen. Dann, wir sind schon auf Seite 35, kommt der erste richtige Artikel, immerhin eine volle Seite Text. Dann die Titelgeschichte, eine Art Suche nach dem besten Steak der Welt, einigermaßen originell als Turnier aufgemacht: In Runde 1 wirft Frankreichs Charolais Argentiniens Filet raus, dann das Halbfinale, Finale und am Ende hat das Hereford Rib-Eye aus Irland gewonnen. Bisschen dünn inhaltlich, kann man aber machen. Es folgen aufwändig inszenierte Fotos von teuren Messern, Tipps für die Gründung eines Männerkochclubs (wtf?), eine wirklich schöne Strecke über (eher zu simple) Saucen, ein toll erklärtes Sechsgangmenü mit Rausklappseiten, weitere Rezepte, weitere Artikelchen, eine surreale Sache über Männerkochclubs, ein Interview über die Frage, wie sexy kochende Männer sind (bebildert mit nackten Frauen, damit auch niemand vergisst, dass Beef! eine Veranstaltung für Jungs ist), ein bisschen Wissen, schöne Fotos allüberall und eine interessante Reportage über den Tsukiji-Markt in Tokio.

Insgesamt wäre es gar kein schlechtes Heft, und für eine Erstausgabe sogar ziemlich gut, wenn die Attitüde nicht so albern wäre: Unerträglich die “humorige” letzte Seite, wo die Unterschiede von Männern und Frauen beim Kaffee-machen beschrieben werden und der Mann der Pedant ist, der seine Bohne quasi einzeln mit dem Bunsenbrenner röstet, während die Frau einfach doof ein Pad in die Maschine haut und sich nebenbei die Nägel lackiert. Haha. Mir ist nicht klar, warum dieses ganze Zielgruppending immer mit dem Holzhammer daherkommen muss, immer mit diesem Anbiedern, mit diesem “Hey, wir sind wie ihr”. Den Jungs von 11Freunde gelingt es doch auch, ein Fußballheft für Männer zu machen und dabei Sujet sowie Zielgruppe gleichzeitig ernst zu nehmen und liebevoll zu ironisieren.

Irgendwer muss den Leuten, die da in Hamburg in ihrem Raumschiff von einem Bürogebäude sitzen, mal erzählen, dass nicht alle Leute draußen in Deutschland so sind wie ihre Bekannten aus der Medien- oder Werberszene, mit denen sie sich im Starbuck’s auf einen White Chocolate Mocca treffen.

* Bei stern.de etwa hat man sich als Proto-Leserin eine “Sandra Müller” gebastelt: Mittdreißigerin, schlau, sympathisch, interessiert sich für Nachrichten und Hintergründe, findet den “Spiegel” zu abgehoben und die “Bild” zu krawallig. Aha. Das ist so ein Stern-Trauma, weil sein Erfinder Henri Nannen seinerzeit immer die abhebenden Redakteure mit dem Bild von “Lieschen Müller” auf Volksnähe und Lesbarkeit eingeschworen hatte.

Der neue alte Journalismus

by Gunnar on 26. August 2009 · 11 comments

“Die Aufgabe des Journalisten ist es, durch den Dschungel der
irdischen Verhältnisse eine Schneise der Informationen schlagen – und den
Inhabern der Macht auf die Finger zu sehen.” (Schneider / Raue, 2006)

Ich äußere mich in diesem Blog, das eigentlich ausdrücklich nicht durch meine berufliche Tätigkeit geprägt sein soll, eher selten zum Thema Journalismus, abgesehen vielleicht von dem einen oder anderen Verweis auf doofe Produkte, kluge Worte oder offenen Wahnsinn. Oder sonstwelchen Anmerkungen. Hm, doch häufiger, als ich dachte. Egal.

Weil man mich neulich fragte, was eigentlich meine “Philosophie” zum “neuen Journalismus” sei und ich für den Vortrag eines US-Kollegen ohnehin etwas halbwegs Zitierfähiges aufschreiben musste, kann ich’s auch gleich der Weltöffentlichkeit zum Besten geben. Aber zurück nochmal zum Eingangszitat — Schneider und Raue sagen im selben Buch auch:

“Der Journalist hat nicht Überzeugungen feilzuhalten oder für Glaubensbekenntnisse zu wüten, sondern Nachrichten zu formulieren und Analysen auszuarbeiten (…) Die Ethik des Journalismus ist eine Service-Moral.”

Das ist korrekt und bleibt korrekt. Wenn wir uns alle immer zu jeder Zeit daran hielten, wären die Texte besser und die Medienblogger arbeitslos. Wohlgemerkt, ich bin schon ein Freund von starken Meinungen, aber eine öffentliche Meinung muss man sich verdienen, durch relevante Positionen, messerscharfe Analysen und — Vertrauen. Ich habe Zeitungen oder Zeitschriften, auch von mir geführte, nie als “Gatekeeper” zum goldenen Land der exklusiven Information verstanden, wir haben immer unsere Aufgabe im Ordnen, Gewichten und Erklären gesehen. Das ändert sich mit den neuen Medien nicht grundsätzlich: Klar muss man sich auf Medienkanäle anpassen, Twitter ist keine Zeitschrift; mobile Webseiten brauchen eine andere Darstellung als Portale, die man mit 1400×1050 ansteuert. Das ändert aber an der journalistischen Herangehensweise nichts — Erklärung, Empfehlung, Ordnung (und ein Schuss Entertainment), das sind und bleiben die Schlüssel zum Erfolg.

Ich sorge mich nicht um den Journalismus. Bedarf gibt es in dieser komplexen Welt genug. Man wird, jetzt und in Zukunft, seine Zielgruppen finden, wenn man Journalismus als Service versteht. Wenn man seinen Lesern objektiv und verständlich die Welt erklärt. Wenn man sich vorurteilsfrei bemüht, die Stärken jedes Medienkanals zu nutzen. Wenn man die Leser ernst nimmt und auf sie hört. Und die Aufmerksamkeit von Zielgruppen lässt sich irgendwie monetarisieren — Paid Content, eCommerce, Leads, Banner-Werbung, Data Mining, Performance Advertising, die Art ist letztendlich egal.

Wer aber denkt, der Elfenbeinturm verwandele sich, wenn man ihn ins Meer wirft, automatisch in ein seetaugliches Schiff, der wird untergehen.

Weiterlesen? Heribert Prantl nimmt sich des Themas in einem langen Text an.

Ich habe ein bisschen die ganz enge Bindung zu Zeitschriften verloren, seit ich mich nicht mehr hauptberuflich damit beschäftige, eine zu leiten. Ich weiß also nicht genau, ob es an mir liegt oder an den Zeitschriften, dass ich fast alles, was ich an Mainstream-Publikationen in die Finger bekomme, so abgeschmackt finde, so routiniert runtergerissen, so berechenbar stromlinienförmig, so hochglanz-öde.

So Glockenbach, so Prenzlauer Berg, so Karolinenviertel.

Vielleicht liegt das daran, dass überall die gleichen Medienmenschen ihre urbanen Leben leben und mit ihren urbanen Kollegen ihre urban geprägten Magazine machen. Irgendwer sagte mir neulich, dass er glaube, dass das erfolgreichste Magazin der letzten Jahre, die quasi Kuhmist atmende Landlust (463.873 verkaufte Exemplare pro Heft), eben nur dort entstehen konnte, wo es entstanden ist: beim Landwirtschaftsverlag im stinköden Münster. Und nicht in einer der Metropolen. Aber egal.

Ich wollte kurz berichten, dass ich mir heute ein neues Magazin gekauft habe: die frisch erschienene Erstausgabe des Nido (verlegt von Gruner und Jahr, Hamburg. Chefredakteur ist Timm Klotzek, Gründer der NEON). Nido ist, erstmal, ein Heft für Eltern. Kein Ratgeber, sondern Lifestyle, Lebensgefühl und sowas.

Exkurs: [Also ein bisschen so wie Wir vom Süddeutschen Verlag, das kürzlich noch vor der zweiten Ausgabe eingestellt wurde. Völlig zu Recht, allein schon der Claim “Familienmagazin für Eltern, die nicht nur Eltern sein wollen” war so anbiedernd, so gekünstelt, so falsch, dass der Verdacht nahelag, hier würde ein Heft nicht für Leser, sondern für Anzeigenkunden gemacht. Und so war es dann auch: das Layout in Schönheit vor die Wand gefahren, Textchen in Häppchen, Bildchen zu Produkten, Produkten, Produkten und nicht ein Mensch im ganzen Heft, wo man gedacht hätte, jawoll, dass ist einer von uns. Alles immer zu hoch geschossen: die Produkte zu teuer, die Probleme zu Luxus, die Menschen zu untypisch. Bäh. Naja egal, man soll nicht schlecht über Verstorbene reden.]

Nido Gruner und Jahr Das Problem ist nur: Nido ist fast genauso, bis auf die Tatsache, dass das Layout um Lichtjahre moderner ist. Also: großartige Fotos, alles stilsicher, schöne Menschen und partiell auch echt gute Texte. Aber Relevanz? Fehlanzeige. Im Editorial schlägt man, nur halt etwas norddeutsch-schnodderiger, denselben Kurs ein wie die Münchner von “Wir”: “Wir sind eine Familie, aber wir sind nicht gaga”. Argh. Der Satz verrät eine ziemlich elitäre Haltung, ein ziemlich luxuriöses Problem — die Angst des hippen Mitdreißigers, durch spießige Familiengründung ins Coolness-Abseits zu geraten. Dementsprechend werden auch eher Luxusprobleme diskutiert: lässige Altbauwohnung oder doch Häuschen im Grünen? Die Modestrecke (übrigens sensationell fotografiert) zeigt, wo’s hingeht — die dreijährigen Kids tragen Sweater von Boss (79 Euro), Jeans von Diesel (110 Euro), Sakko von Hacknett (160) und anderes Zeugs, das weitab ist von der Ikea-H&M-Realität auch gutsituierter Eltern in, sagen wir, München-Haidhausen. Der Verdacht liegt nahe, dass man ein bisschen zu sehr auf die Anzeigenkunden und zuwenig auf die potenzielle Zielgruppe geachtet hat.

Aber was mich besonders stört, ist (und hier kommen wir wieder zum Anfang dieses länglichen, schon etwas ins Mäandern geratenen Textes zurück) die Routiniertheit des Magazin-Machens, die hier vorgeführt wird: Nido will nichts falsch machen und macht deshalb ein bisschen was von allem, aber eigentlich nichts richtig: ein paar Produkttipps, ein paar Seiten Mode, ein sinnloses Sammelsurium von Musik, Literatur, Film, Promis (mit Elternbezug und ohne) und eine Reiseempfehlung (Wien), ausdrücklich für Eltern, die ihre Kinder zu Hause lassen wollen. Und die Titelgeschichte (die “Ich will wieder arbeiten” heißt) zeigt das Problem exemplarisch: schöner Aufmacher-Doppelseite, gefällige Status Quo-Beschreibung, ein paar Beispiele, eine Beispiel-Person, fertig. Keine Ratschläge, keine Meta-Ebene, nichts, was dem Leser weiterhelfen könnte. Fastfood-Journalismus: schmeckt, aber macht nicht satt. Nichts Überraschendes, nichts tief Recherchiertes, nichts Echtes.

Aber egal, Erstausgaben sind immer schwierig. Ich kaufe mir, falls sie denn wirklich irgendwann erscheint, die zweite Ausgabe und überprüfe meine Meinung dann gerne noch mal.

[Hat echt jemand bis hierhin gelesen? Wow.]

Zehn bizarre Zeitschriften

by Gunnar on 13. Dezember 2008 · 11 comments

Zeitschriften gibt es bekanntlich zu jedem noch so abseitigen Thema, Verlagskrise hin oder her. Ich habe mal eine eher zufällige Auswahl von 10 besonders absurden Exemplaren zusammengestellt. Viel Spaß.


Hier wundert mich, dass sie immer wieder was Neues zu schreiben finden. Sensationelles Sonderthema: “Die Welt ändert sich. Zeit für Engel.” Wow.


Unter den Militärheften gibt es viel Absurdes, hier gefällt mir besonders das Wort “Tankograd” oben links.


Hier ist mir die Zielgruppe unklar. Westfalen-Bewohner? Krimi-Fans? Mörder?


Offenbar hat diese Heft für Gotcha-Waffenliebhaber eine männlich geprägte Zielgruppe.


Hundemagazine, okay. Katzehefte, jaja. Aber eine Garnelenzeitschrift? Verstörend.


Unglaublicher Name für eine Zeitschrift, egal worum’s dabei geht.


Ist doch schön, wenn Touristen nicht immer nur die Umwelt zerstören.


Leicht missverständlicher Titel. Und tolle Cover-Themen. Ein “Vererber” ist sicher ein Deckhengst, oder?


Die meisten Erotik-Heftchen werden ausschließlich an Tankstellen verkauft. Fernfahrerglück.


Hm. Ob das ein Sonderheft ist? Oder brauchen Leute regelmäßig Infos über Sprudelbäder?

(c) ASV

Ob es nun die Konkurrenz des Web ist oder der gefühlte Geldmangel oder die kosmische Hintergrundstrahlung — Zeitschriften und Zeitungen verkaufen sich generell nicht mehr so gut wie im letzten Jahrtausend. Den einen oder anderen Teilmarkt trifft es mehr oder weniger hart, manches Heft feiert überraschende Erfolge, manches Heft wird eingestellt, manche krepeln von Minusrekord zu Minusrekord. Jedenfalls überschlagen sich die Verleger derzeit nicht gerade, neue Magazine mit mutigen Konzepten auf den Markt zu bringen. Verständlicherweise.

Und dann kommt: Humanglobaler Zufall. Hinter dem absurden Namen verbirgt sich eine Idee von Dennis Buchmann, dem Sieger eines Nachwuchswettbewerbs des Axel-Springer-Verlages — dort konnte man Konzepte einreichen und 500.000 Euro Finanzierung für eine neu zu gründende Zeitschrift gewinnen. Kommerzielle Gesichtspunkte sollten ausdrücklich keine Rolle spielen, es ging es um die Schönheit des Konzepts, weniger um den potenziellen Erfolg am Kiosk. Die Jury, mit Leuten wie dem Art Director Mirko Borsche, Jette Joop oder dem Regisseur von Dommersmarck, war denn auch unabhängig und dem Kerngeschäft von Magazinen fern genug, um eine gewisse elitäre Grundhaltung zu gewährleisten.

Soviel zur Vorgeschichte. Das Heft ist mittlerweile erschienen, zum Preis von 5 Euro in hinreichender Auflage* und hochwertiger Ausstattung*. Begleitet immerhin von einer kleinen PR- und Marketingkampagne. Es gab ein paar Presseberichte von den üblichen Verdächtigen und ein bisschen Lob in Medienblogs, aber bislang meines Wissens keine richtige Heftkritik. Die liefere ich jetzt in Kurzform hier mal nach, auch wenn’s sicher kaum jemanden hier interessiert, außer den wenigen Journalisten, die hier mitlesen. Das Blättchen ist aber, meiner bescheidenen Meinung nach, inhaltlich wie konzeptionell eine Katastrophe. Und einer muss doch die Wahrheit sagen.

Das Grundkonzept geht, merkwürdig genug, so: Der Chefredakteur sucht das Thema der ersten Reportage aus. Die folgenden Geschichten handeln dann stets von einem Freund oder Familienmitglied des Protagonisten des vorangegangenen Textes. Das soll das Wirken des Zufalls verdeutlichen und einen roten Faden durch das Heft ziehen. Praktisch sieht das so aus, dass im letzten Absatz der einen Geschichte rasch noch der guten Freund des Protagonisten erwähnt wird, der zufällig gerade anruft und zack! hat man den Helden der nächsten Geschichte eingeführt. Das war’s auch schon, das ist der ganze Gag. Huh. Dazu kommen ein paar thematisch passende, aber eher hilflose Rubriken (Leser erzählen von Zufällen in ihrem Leben; Kleine Zufälle mit großer Wirkung, diesmal: die Mikrowelle). Ich glaube schon, dass sich die Idee auf dem Papier oder beim engagierten Vortrag vor der Jury gut angehört hat — aber selbst wenn sie für ein Magazin reichen würde (was zumindest fraglich ist), ist sie nicht sehr gefällig umgesetzt.

Erstmal zur Gestaltung: Das Design kommt so arrogant zeitungshaft-retrocool daher, dass man keine Einstiegspunkte ins Heft findet und gezwungen wird, strikt von vorne nach hinten zu lesen. Dazu kommt, dass das Cover aussieht wie von einem dieser Designhochglanzwerbehefte, die kostenlos in teuren Hotels ausliegen und über die Armani-Läden und Golfplätze der Umgebung informieren. Ein so sperriges Konzept hätte Unterstützung vom Layout gebraucht, die aber bekommt es nicht: Artikelanfänge sind beim Blättern schwer zu finden, Fotos und Texte nicht intelligent zu funktionalen (oder wenigstens schönen) Einheiten montiert, sondern stumpf hintereinander gestellt. Wie bei einem Buch. Überhaupt würde das Heft als Buch ein bisschen besser funktionieren, aber egal. Das Inhaltsverzeichnis haben übrigens alle Leute, denen ich das Heft gezeigt habe, spontan für eine Anzeige gehalten.

Weiter zum Text: Der (inhaltliche) rote Faden der Geschichten ist allenfalls schwach erkennbar und nur mit Erklärung verständlich, doch das Schlimmste, das Schlimmste sind die Storys selber: Reisereportagen und Berichte auf Journalistenschülerniveau, Schilderungen mit weit aufgerissenen Stauneäuglein, arglose Beschreibungen des Beobachteten — keine Metaebene, keine Raffinesse, keine Interpretation, keine Agenda. Keine interessanten Themen, keine Gesprächspartner, die für irgendetwas stehen, kein Funke Faszination des Fremden. Der Tiefpunkt ist ein Bericht über einen Paraguayer in Baden-Baden, der sich liest wie die Mitschrift einer dieser Auswanderersendungen im Fernsehen. Die ganze Zeit will ich Und? fragen — Und? Warum soll mich das interessieren? Alles siecht auf der Ebene von ich interviewe meinen Freund X. der macht so interessante Sachen im Ausland dahin, ohne Plan oder Ziel. Am besten sind noch die zahllosen Fotos, obwohl auch da keine klare Linie auszumachen ist und das Papier sich nicht besonders für großformatige Bilder eignet. Das ganze Magazin wirkt am Ende irgendwie beliebig. Oder zufällig, womit natürlich möglicherweise der Anspruch eingehalten wäre. Wobei es sicher auch interessante Zufälle zu erzählen gegeben hätte.

Schade eigentlich. Ich hätte gerne gewusst, ob auf Platz 2 oder 3 des Wettbewerbs eine wirklich brauchbare Idee gewesen wäre.