Herr Kaliban kehrt zu seinem ehemaligen Lieblingsmedium zurück, als Kunde wenigstens.
Ich lese ja nicht mehr allzu oft Zeitschriften, musste mir aber heute, um mitreden zu können, gleich zwei kaufen. Denn die deutsche WIRED ist erschienen, unter der Regie von Thomas Knüwer (Ex-Handelsblatt-Redakteur, bekannter Blogger), und das deutsche Internet zerreißt sich das Maul über Goodness or Gayness des Heftes. Da das Druckwerk nicht allein erscheint, sondern dem Männermagazin GQ beigebündelt ist, gehören mir jetzt zwei aktuelle Magazine von Condé Nast. Zur GQ später, erstmal meine 2 Cents zur WIRED:
Das Heft macht grundsätzlich erstmal fast alles richtig, Grafik, Layout und Struktur sind originell und sauber gemacht. Es gibt tolle Fotos, viel Kleinteiliges zum Stöbern und schöne Infografiken, darunter eine zum Oktoberfest, die Fakten enthielt, die mir unbekannt waren. Manche der Artikel haben allerdings ihr Thema zu groß gewählt und sind deshalb zu kurz. Ein paar Mal sind die Kleinformate belanglos, ein paar Mal sind sie überkandidelt, aber grundsätzlich stimmt die Richtung. Das Cover finde ich, ganz persönlich, doof und unzugänglich, aber das tut nicht weh — auch die heilige US-WIRED hat nicht immer Volltreffer gelandet. Ein Vorteil gegenüber der amerikanischen Ausgabe ist, dass weniger Werbung drin ist — die deutschen Regeln sind da nämlich anders: Wer hierzulande eine Zeitschrift auf den Markt bringen will, muss weniger als 50 Prozent des Seitenumfangs mit Werbung bestreiten, ansonsten gilt das Druckerzeugnis nicht als Magazin, sondern als Katalog — und verliert eine Reihe von Privilegien, vom ermäßigten Mehrwertsteuersatz bis zum billigeren Postversand. Die US-WIRED bringt es schamlos auf eine Werbeanteil nördlich von 70 Prozent, was ein bisschen nervt. Dafür haben die Deutschen ein, zwei störende paar Promotion-Strecken drin, Werbung im Magazin-Layout. Bäh. Naja, Schwamm drüber, das Problem von Knüwers WIRED ist nicht die Werbung, nicht das Cover, nicht das Layout, sondern das Fehlen eines großen Themas. Der Leitartikel “Gebt Deutschland den Geeks” ist nachgerade Blödsinn (Analyse dazu: hier) und wird durch die nachgeschobenen Porträts von deutschen “Machern” nicht gerettet — das ist kein Debattenbeitrag, keine Anregung, kein Aha-Moment. Schade. Dadurch wirkt das Heft irgendwie unvollständig. Aber hey, für eine Erstausgabe ist es solide Arbeit. Das kann noch werden.
So viel zur WIRED, erstaunlicher war die GQ. Ich bin ja nur so mittel stilbewusst und schaue immer wieder staunend auf die Weisheiten, die mir in solchen Publikationen vermittelt werden: Herrenhandtaschen kann man in Ausnahmefällen tragen; Gummistiefel zur Jeans sind verboten; auf Klamotten mit den Accessoires der Nullerjahre (schmales Revers etc.) sollte man dieser Tage verzichten; der aktuelle Haarschnitt von Jared Leto ist der Hammer; Rot (in allen Abstufungen bis Müllmann-Orange) ist neben Knallblau und Grün die Farbe des kommenden Winters; die Wayfarer bleibt eine zeitlose Brille, auch wenn sie mittlerweile von kleinen Mädchen getragen wird. Und so weiter und so fort.
Eine ganz neue Welt tut sich mir auf.
Und man kann das alles kaufen. Toll.
Besonders erstaunlich aber finde ich die Tatsache, dass Bärte derzeit offenbar TOTAL IN sind. In meiner Welt trägt man Bart ja hauptsächlich zum Verbergen eines nicht allzu gelungenen Gesichtsteils oder aus schlichter Rasierfaulheit, aber offenbar ist der Bart in DER RICHTIGEN WELT wieder total salonfähig. Ich kann das beweisen, ich habe mal die Gesichter der männlichen Models in der aktuellen GQ auf Behaarung untersucht:
Wer mir nicht glaubt, kann sich auch mal die Startseite von Hugo Boss angucken.
Man sieht, glattrasierte Männer sind auf dem Rückzug. Interessant übrigens der hohe Anteil an Models, die das Kunststück fertig bringen, mit 1-Tages-Bärten trotzdem gepflegt zu wirken. Das hat mich eine Stunde lang verwirrt, aber mein Ex-Kollege Sven B. aus, natürlich, M. konnte in den Kommentaren aushelfen: “Für den Ein-Tagesbart benötigt man einen elektrischen Bartschneider mit einer 1mm-Stellung, wird dann am 3ten Tag mit 2mm rasiert und danach wieder auf 1mm.”. Aha.
[Dieser Beitrag wurde ermöglicht durch einen sinnlos durchprokrastinierten Urlaubstag.]


Nach 17 Jahren, 225 Ausgaben, wird Future Publishing im September die englische PC-Spielezeitschrift PC Zone einstellen
Großverlage denken, was mir schon seit langem schräg vorkommt, in Zielgruppen, nicht in Themen. Man macht also nicht einfach eine gute Zeitschrift für über’s Kochen, die dann bestimmt Leuten gefällt, die gern gut essen und mit vernünftigen Zutaten arbeiten, sondern, huh, ein rock&rolliges Kochmagazin für Männer. Für Männer mit Geld, natürlich. Und legt gleich die Karten im Editorial auf den Tisch — der Chefredakteur fabuliert uns vor, er habe das Heft für seinen Freund “Christoph” erdacht. Bei Grunerundjahr, muss man wissen, denkt man nicht nur gern in groben Zielgruppenrastern, sondern stellt sich bizarrerweise die Idealzielgruppe auch noch personifiziert* vor. Und dieser Christoph ist eben so, wie man den Leser wohl gerne hätte: Mann, 42, Hamburg, stinkt vor Geld, findet nicht-selbstgemachte Nudeln prinzipiell öde, hat Kinder und Frauen nicht gern in der Küche, kocht auf hohem Niveau, streitet mit Freunden über die Vorteile und Nachteile von Induktion und Gas. Puh. Ein arroganter Großstadtfatzke offenbar.
Das Problem ist nur: Nido ist fast genauso, bis auf die Tatsache, dass das Layout um Lichtjahre moderner ist. Also: großartige Fotos, alles stilsicher, schöne Menschen und partiell auch echt gute Texte. Aber Relevanz? Fehlanzeige. Im Editorial schlägt man, nur halt etwas norddeutsch-schnodderiger, denselben Kurs ein wie die Münchner von “Wir”: “Wir sind eine Familie, aber wir sind nicht gaga”. Argh. Der Satz verrät eine ziemlich elitäre Haltung, ein ziemlich luxuriöses Problem — die Angst des hippen Mitdreißigers, durch spießige Familiengründung ins Coolness-Abseits zu geraten. Dementsprechend werden auch eher Luxusprobleme diskutiert: lässige Altbauwohnung oder doch Häuschen im Grünen? Die Modestrecke (übrigens sensationell fotografiert) zeigt, wo’s hingeht — die dreijährigen Kids tragen Sweater von Boss (79 Euro), Jeans von Diesel (110 Euro), Sakko von Hacknett (160) und anderes Zeugs, das weitab ist von der Ikea-H&M-Realität auch gutsituierter Eltern in, sagen wir, München-Haidhausen. Der Verdacht liegt nahe, dass man ein bisschen zu sehr auf die Anzeigenkunden und zuwenig auf die potenzielle Zielgruppe geachtet hat.











