Zug

Eisenbahnen, Zoos voller Menschen

by Gunnar on 28. Oktober 2009 · 12 comments

Neulich, bei einer Bahnfahrt, saß ich unweit von einer adretten, intellektuell aussehende Dame in den späten Fünfzigern, die mit ihrem 14jährigen Enkel unterwegs war. Deren Gespräch musste ich mithören, weil ich — zu konservativ erzogen — nicht die Lässigkeit anderer Leute habe, die sich auf Zugreisen erfolgreich ins Koma trinken und so der Welt samt den Mitreisenden entkommen.

Die Dame las Zeitung, der Junge versuchte, ein Spiel, ich glaube, es war einer der Advance Wars-Titel, auf dem Nintendo DS zu spielen. Versuchte, sage ich, weil die Dame nicht in der Lage war, ihre Zeitung einfach normal von vorne nach hinten zu lesen, sondern atemlos von Artikel zu Artikel sprang, immer ein paar Zeilen querlas, abbrach, weitersprang und dabei das Ganze fortwährend kommentierte. Das ergab einen ununterbrochenen Strom von Halbsätzen und Halbgedanken, der mich nach knapp zehn Minuten in eine Art Trance versetzte:

Ja, nun, zehn Tage im Urwald, das würdest du nicht schaffen. [Einwurf des Enkels: Doch, das würde ich schaffen] Summa, summa cum laude, das hat der. Gut, was? Oh, Rohstoffgewinnung in der Antarktis. Hm. Ach, die SPD macht das schon, jaja. Nun, der sieht nett aus, der Ulrich Nussbaum. Ja. Nu. Weißte, wie er noch netter aussehen würde? Wenn man ihm einen Bart malte. Hm. Was fährt der einen Bentley, der ist doch Sozialdemokrat. Du, Schnuckel, ich geh jetzt noch aufs Klo, dann sind wir am Ende unser gemeinsamen Reise. Ach doch nicht, wir sind ja erst in Würzburg.

Surreal. So ging das ununterbrochen. Für wenigstens eine Stunde. Ich wage nicht, mir auszumalen, wie das auf die Seele eines 14jährigen gewirkt haben muss.

Ach, die Grausamkeit der Großmütter.

Dieses metallische Geräusch

by Gunnar on 27. Dezember 2008 · 7 comments

Erstaunlich, dass sich manche Leute im Zug offenbar so zuhause fühlen, dass sie beginnen, sich die Fingernägel zu knipsen. Ich meine, okay, Rülpsen, Furzen, Telefonieren mit Scooter-Lautstärke, Bier aus überschäumenden Dosen saufen und nach jedem Absatz “AHHH” sagen, in irritierenden Dialekten intime Details über Exfreundinnen austauschen — haben wir alles schon gehabt.

Das mit den Nägeln ist irgendwie eine neue Eskalationsstufe.

Und andererseits muss man noch froh sein, dass der Typ vor den Fußnägeln halt gemacht hat.