Zukunft

Fortschritt wird überschätzt, womöglich

by Gunnar on 18. Februar 2010 · 18 comments

Ein kurzer Beitrag, in welchem der Verfasser erst Hoffnung in die moderne Technik schöpft und dann doch wieder verzweifelt.

Ich bin gerade auf der MWC, dieser Mobilfunk-Messe, die derzeit groß in den Medien ist. Trotze dem Regen von Barcelona und der Bestuhlungspolitik von Spanair, um mich beruflich und persönlich fortzubilden. Habe Eric Schmidt von Google live sprechen gehört, das neue Samsung Smartphone in der Hand gehabt und diesen absurden Kopfhörer von Docomo gesehen, bei dem man die Lautstärke mit Augenbewegungen regeln kann. Und musste, mit vor Neid gelber Nase, das Grinsen meines Programmierer-Kollegen M. ansehen, der für’s Absitzen einer Stunde Einweisung in die Grundlagen der Android-Entwicklung von der enthusiasmierten Google-Crew ein Nexus One* geschenkt bekommen hat. Während ich bei Microsoft war, um mich über Windows 7 Mobile gehirnwaschen zu lassen. Wieder auf den falschen potenziellen Weltherrscher gesetzt. Ich Depp.

Aber eigentlich war das einzige, was mich halbwegs beeindruckt hat, ein Ladegerät namens Powermat*, das Gadgets drahtlos auflädt und zunächst so aussah, als könnte es alle meine Probleme lösen. Wollte das auf der Messe schon vom Stand klauen, aber es war zu gut befestigt.

Allerdings: Nach dem Anschauen des Videos verstehe ich die Sache nicht mehr: Wo liegt der Sinn? Ich hatte zuerst gedacht, das Ding könnte magisch einfach alles aufladen, was ich drauflege. Kann es aber nicht. Klar, ich brauche keine Kabel mehr, aber wo ist der Komfortgewinn, wenn ich stattdessen pro Gerät einen spezialisierten Receiver benötige?

Seufz. Wieder einmal löst der technische Fortschritt die Probleme nicht, die mir durch ihn entstehen.

minority
Irgendwie habe ich das Gefühl, vielleicht liegt’s am Älterwerden, dass der Fortschritt sich beschleunigt — TEH INTARWEB und die Handys und die ganze Kommunikation und so, irgendwie hat das alles mein Leben innert weniger Jahre ziemlich verändert. Ich meine damit nicht, dass ich jetzt Blurays statt Videokassetten gucke oder sonstwas, was sich in evolutionären Schritten bewegt. Eher sowas wie die Tatsache, dass mein Chef 1998 noch verzweifelt ist, weil die Kollegen sich modernen Medien verweigerten (“Wir müssen in diese Redaktion E-Mail reinkriegen”) und deswegen auch mal zwei Stunden am Stück arbeiten konnten, während heute alle um mich herum per Blackberry und ICQ und Skype rund um die Uhr erreichbar sind und ständig der nächsten unwichtigen Botschaft harren. Oder dass man sich als Autofahrer mit Navi quasi nicht mehr verirren kann, selbst in fremden Städten. Was übrigens den Orientierungssinn zerstört, jedenfalls meinen, weil ich überhaupt nicht mehr versuche, mir den Weg zu merken. Aber egal.

Ich habe mal versucht, nur so zum Spaß eine wirre Liste von Dingen aufzustellen, welche die Kinder meiner Tochter (so sie welche bekommt) nicht mehr kennen werden. Sind noch nicht so viele Einträge — vielleicht hat ja jemand Lust, per Kommentar Ergänzungen beizusteuern. Ich update dann gerne diesen Beitrag. Also:

Woran sich schon bald keiner mehr erinnert

* Streits im Auto, weil der Fahrer sich verfahren hat. Grund: Navigationsgeräte für alle. Muss man sich wieder wegen Fahrstil und peinlichen Einparkskills streiten. Obwohl, für Letzteres gibt’s ja Einparkhilfen.
* Bargeld. Grund: Wer braucht das? Niemand. Klimpert und knittert bloß und geht verloren. Und ohne Bargeld keine…
* Münztelefone. Grund: Braucht keiner mehr in Zeiten persönlicher Kommunikatikonsgeräte. Auch nicht in der Kreditkartenvariante. Und damit verschwinden auch die…
* Festnetztelefone. Grund: Naja, Handys. Und VoIP-Systeme. Und irgendwann Kommunikationsimplantate oder sowas.
* Gedruckte Tageszeitungen. Grund: Naja, das Geschäftsmodell der Abozeitung bricht zusammen. Sieht man ja. Vielleicht gibt’s kleinauflagige Spezialblätter für elitäre alte Säcke, aber die Massenblätter werden verschwinden.
* Software, Musik, Filme auf Datenträgern. Grund: Nutzt keinem, gibt bloß Kopierschutzprobleme (“Sicherheitskopie”) und sowas. Ist schon jetzt auf dem Weg nach draußen. Und damit verschwinden auch die…
* …Videotheken. Grund: In der Breitbandwelt gibt’s Filme per Download; Connaisseure haben alternativ Abos, bei denen ihnen ausgewählte Werke auf HDHDRay zugeschickt werden.
* Verbrennungsmotoren. Grund: Man wird Ersatz finden müssen, wenn die Brennstoffe ausgehen. War eh eine blöde Idee, Dinge zu verbrennen, um Energie zu gewinnen.
* aufgeschobene Arztbesuche. Grund: Monitorsysteme werden unsere Gesundheit checken und uns der Krankenkasse melden, wenn erste Anzeichen von Fehlfunktionen auftreten.
* Wehrpflichtigenarmeen. Grund: Mit ein paar hunderttausend halbausgebildeten Prolls erschreckt man schon heutzutage keinen mehr. Zukünftig wird man Spezialisten brauchen.
* Gemüse/Obst in natürlicher Form. Grund: Schon heutzutage gibt es in Supermärkten immer mehr vorgefertigte und mit Klarsichtfolie überzogene Plastikschälchen, die triefende viereckige Karottenstückchen, viereckige Melonenstückchen oder viereckige Apfelstückchen enthalten. [von ZIPPO]
* Das Freizeichen. Grund: Wird eigentlich schon heute nur noch der Tradition halber integriert. In Zukunft wird einem der Anrufstatus entweder erotisch ins Ohr gesäuselt oder von innen in die obere linke Ecke der WiFi-Brille projiziert. [MARJAN]
* Brillen. Grund: Operationen, die nur noch als “Routine” bezeichnet werden können, werden 110%-ige Sehkraft garantieren. [MARJAN]
* Briefe von Menschen. Grund: Schon heute verschicken nur noch Behörden und die dem Direct-Mailing-Wahn aufgesessene Konsumgüterindustrie Post. Privatpersonen machen sowas nicht. Selbst Amor verteilt seine Liebesbotschaften ganz ungeniert per SMS. [DAVID]
* AIDS. Grund: “Ach, was waren die damals unterentwickelt, daß sie nicht einfach das […] entdeckt haben. Kommt doch überall in der Natur vor! Die zweiwöchige Therapie kann sich nun wirklich jeder leisten.” [MARJAN]
* TV-Zeitschriften und überhaupt Programmverzeichnisse. Grund: Wenn alles fragmentiert und auf Nischengeschmäcker ausgerichtet ist und on demand abgerufen werden kann, braucht niemand noch ein Kompendium von Sendezeiten. Die Sendezeit an sich ist dann eh ein gestorbenes Konzept. [MARTIN]
* Dockingstationen für Notebooks. Grund: Drahtlose Verbindungen vernetzen Monitore, Tastaturen und Mäuse… und der Rest hat Macs. Vielleicht verschwinden sogar Kabel komplett. [YUKIRU]
* Die Handschrift an sich. Grund: Gestenerkennung, Spracherkennung, Tastaturen und Eintippfelder auf jedem Gerät — schon heute kommt die eigene Handschrift kaum noch zum Einsatz. Das meistgeschriebene Wort vieler Bewohner der westlichen Welt ist der eigene Name, als Unterschrift. [MARTIN G.]
* Die Rente. Grund: Die klassische umlagenfinanzierte Rente überfordert bei negativem Bevölkerungswachstum die öffentlichen Kassen und wird im Laufe der Jahre gegen Null zurückgefahren. [ERDKNUFFEL]
* Filme in Fotoapparaten Grund: Das muss man ja im Jahr 2009 schon erklären: Also, das sind diese unförmigen Einweg-Speicherchips mit einer Speicherkapazität von bis zu 36 Bildern, die es früher mal gab. Und wenn man ein einziges schon angucken wollte, verfielen die anderen unwiderruflich. [HILKO]
* Maus und Tastatur. Grund: Jeder bedient PCs nur noch mit den Fingern direkt (Touchscreens, Gesten etc.). [FLO]

Und noch eine Gegenmeinung zum Fortschrittsgejubel:

* Freiheit. Grund: Die verschwindet nach und nach bis – was wohl den meisten reichen wird – nur noch eine Illusion von ihr vorhanden ist. Warum? Schon bald wird sich niemand mehr erinnern, was Privatheit war. Viel zu viel davon wird freiwillig hergegeben — an wen auch immer (siehe Facebook, bargeldloses Zahlen etc.). Und was wir nicht freiwillig geben, nimmt sich die (von uns selbst gewählte!) Obrigkeit mit immer neuen Überwachungsgesetzen. Ganz langsam natürlich, Jahr für Jahr nur ein kleines neues Gesetzchen, auf dass es niemand merkt. Und wer sich auch nur wundert, der muss – natürlich – wohl irgendetwas zu verbergen haben. Und wenn dann erst einmal die Privatheit gänzlich verschwunden ist, wenn erst jeder immerzu veröffentlicht (freiwillig oder weil alle es tun), was er denkt und glaubt und tut, und wenn von jedem jederzeit bekannt ist, mit wem er wann und wo gesprochen hat, dann ist es mit der Freiheit (im Sinne einer Freiheit anders zu sein oder zu denken) auch nicht mehr allzu weit her. Mit Glück leben wir dann alle wie in einem virtuellen Dorf, in dem jeder jeden kennt und keiner vergisst. Mit Pech in einer allgegenwärtigen und mutmaßlich ziemlich unerträglichen Diktatur der Mehrheit. [PLAYER1]

Es gibt kein richtiges Leben im Valschen

by Gunnar on 31. Januar 2007 · 16 comments

Mich macht langsam, langsam der Hype um Second Life verrückt. Klar, es ist einzig, klar, es ist erfolgreich. Aber ist es wirklich nötig, dass alle Welt jetzt da drin Läden aufmacht, Zeitungen verlegt, wie Schweden ein Konsulat eröffnet? Argh. Und was hat es für einen Sinn, Amazon-Zeuchs da zu kaufen, anstatt auf der regulären Website?

Übrigens irritierend, dass ein so offenkundig profitträchtiges, zukunftsweisendes und imageförderndes Feld einer Mini-Firma wie Linden Labs überlassen wird. Wenn ich, sagen wir, der Coca-Cola-Konzern wäre, dann würde ich ein Zehntel, ach ein Zwanzigstel, meiner Marketinggelder nehmen und Cokespacetm bauen, ein intelligent designtes, modulares und — im Gegensatz zu Second Life — vielleicht sogar easy bedienbares Metaversum. Selbstverständlich wäre es kostenlos für jedermann, ich würde sogar Land verschenken. Das Ziel wäre, die Schnittstelle für alles zu werden, der Mega-Hub, an den alles angedockt wird, was interaktiv sein will: »Hey, Sie wollen Call of Duty 5 spielen? Gehen Sie mit Ihrem Cokespacetm-Avatar auf Ebene 5, Flur 3, War City — dort ist der Eingang in die Call of Duty-Welt. Vergessen Sie nicht, Ihrem Avatar in der Schleuse eine der dort bereit liegenden Uniformen anzuziehen. Und sich eine Waffe auszusuchen. Der Eintritt kostet 1 CokeDollartm pro Stunde, die ersten zwanzig Minuten sind frei.« So ungefähr.

Hat mal jemand 50 Millionen Euro für mich?